Menschen: Die Blonde

Auf den allerletzten Drücker kommt sie in den fast vollbesetzten ICE nach Berlin. Sie, etwa Ende 40, blond, wahrscheinlich blondiert, teuer gekleidet, wenn auch nicht unbedingt geschmackvoll. Sie packt erst einmal alles Gepäck auf den Tisch vor meine Nase, als Handtaschenersatz eine von diesen Parfümerietüten mit Henkel aus Kordel, vollgepackt. Erst einmal fällt die Tasche um und der Inhalt mir fast auf den Schoß: Zigaretten, Taschentücher, Schlüssel, Lippenstift. Ich kann das gerade noch retten, sie bedankt sich nicht einmal.

Schwer lässt sie sich mit einem Seufzer in den Sitz fallen und packt ihr Essen auf den Tisch. Chinesisch, riecht nicht gut, aber sie isst es mit Stäbchen. Mir hätte das sicher genügt, aber sie packt das zweite Schächtelchen aus. Diesmal sind es Sushi. Natürlich wird nach dem Essen erst einmal das Handy rausgeholt. Sie sei auf dem Weg nach Berlin, ob er sie abhole. Offensichtliche Verneinung, nach Beendigung des Gesprächs murmelt sie vor sich hin, ihr Sohn liege lieber im Bett, als sie abzuholen.

Dann sitzt sie da und seufzt, und seufzt, als ob alles Unglück der Welt auf ihr laste. Versucht meinen Blick zu fangen über den Tisch, ich vermeide, ihn einzufangen und vertiefe mich in den Computer. Ich will mir ihr Unglück nicht anhören, kann es mir aber gut vorstellen: dass sie eigentlich gewohnt sei, mit ihrem Mann nach Berlin zu fahren, im Dienst-BMW, er arbeitet im Vertrieb. Leider hätte er sie verlassen wegen einer Assistentin und nun die furchtbare zweite Klasse, wenn es wenigstens die erste wäre. Seufzen. Die Kinder waren so schwer zu erziehen, und nun sind sie so undankbar.

Mit einem abschließenden Seufzer verlässt sie den Zug am Bahnhof Zoo. Ich hätte mich auch sehr gewundert, wenn es am Ostbahnhof gewesen wäre.

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