Menschen: Die Pappprinzessin

Allein sitzt sie auf der langen Bank in der S-Bahn Richtung Schönefeld. Vor sich einen Einkaufswagen überfüllt mit Tüten, Beuteln, Taschen. Vielleicht ist sie um die 60, vielleicht auch erst 50, so leicht lässt sich das nicht schätzen. Auf dem Kopf trägt sie ein silberfarbenes Pappdiadem mit Glassmaragden.

Leise redet sie vor sich hin, mit hartem slawischen Akzent. „Ich wollte dich nicht gegen deine Mutter aufbringen.“ „Ich muss so ein zwei Jahre in einer anderen Wohnung leben, das ist hier so Gesetz!“.

Nur noch Wortfetzen dringen zu mir herüber, bis sie sich mit Mühe aus dem Sitz erhebt. Kaum schafft sie es, ihren Wagen in Adlershof aus dem Zug zu wuchten. Kein Blick für die Umgebung, die Augen fest auf den Ausgang gerichtet, den Eingang zu ihrem Reich, der Straße.

Als die Bahn wieder anfährt, frage ich mich, wie sie ihren Besitz die Treppe runter schafft, ohne Aufzug, ohne Rolltreppe.

Frühere „Menschen“-Artikel: Die Blonde, Der Gitarrist, Der 68er

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Ein Kommentar zu Menschen: Die Pappprinzessin

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