Abschluss Estland

Als „Nachklapp“ zum Estlandbesuch möchte ich zwei Zitate aus der EU-Kommission bringen.

Jemand sehr hoch aus der Kommission sagt:

„Ich freue mich in Estland zu sein, mit seiner interressanten Mischung aus finnischer und russischer Kultur.“

Und ganz niederrangige Kommissionsleute meinten:

„Es ist doch bekannt, dass die Esten fremdenfeindlich sind.“

Also, abgesehen von meiner Erfahrung in Tallinn, wollt ihr ein Land besuchen mit fremdenfeindlichen Mischungen zwischen Russen und Finnen?

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21 Kommentare zu Abschluss Estland

  1. Jens-Olaf sagt:

    Aufhören. Ich kriege noch Migräne davon. Also in meiner Familie gibt es Russisch, Deutsch und Estnisch als Muttersprache! Estnisch ist als erstes untergegangen, weil Deutsch und Russisch dominant waren: Warum? Antwort: Stalin und Hitler. Hitler-Stalin-Pakt ist die Antwort. Mit kaum mehr als 1 Millionen Einwohnern weisst du Bescheid umgeben zu sein von Großmächten wie Deutschland, Rußland oder Sowjetunion.

  2. Axel sagt:

    Das ist mir schon klar, und die Scweden darf man auch nicht vergessen. Die Leute von der Kommission waren übrigens Deutsche. Und Franzosen.

  3. Axel sagt:

    Ist mir schon klar, neben Deutschen und Russen sollte man historisch die Schweden nicht vergessen. Ich hatte eine etwas unglückliche Reise, aber mit Estalnd und den Esten hatte das wenig zu tun

  4. Jens-Olaf sagt:

    O.k. manchmal browse ich durch das Internet mit dem Stichwort Estland. Und ich war ein halbes Jahr dort als die Umstände alles andere als günsitg waren. 1991/1992. Estland hat mit mehr als 30 Prozent Zuwanderung zu tun in den letzten Jahrzehnten. Deutschland kollabiert unter 10 Prozent, vergleichsweise wenig. Wie fürchten Islamismus und Unterwanderung. Es gibt Stadtteilkonflikte mit bis zu 100 Beteiligten zwischen türkischstämmigen und Russlanddeutschen. Nur zum Vergleich. Messer sind dann ein beliebtes Verständigungsinstrument.

  5. Axel sagt:

    Ja, sicher, aber man muss auch zugestehen, dass die 20% Russen, die zu großen Teilen seit 60 Jahren in Estland leben, ein wenig von der offiziellen Politik ignoriert werden. Jedes Land, dass wirtschaftlich prosperiert, und Estland hat im letzten Quartal ein Wirtschaftswachstum von 12% gehabt, jedes Land unter diesen Umständen hat mit Einwanderung zu kämpfen.

  6. Jens-Olaf sagt:

    Ja, Axel, das ist ein immer noch zentraler Punkt. Was wird mit den ungefähr 10 % Staatenlosen in Estland?
    Ich hoffe es ist in Ordnung auf eine englischsprachige Seite zu verweisen. Giustino ist New Yorker, mit einer Estin verheiratet:
    http://palun.blogspot.com/2006/10/only-ilves-can-go-to-moscow.html
    Er schlägt einen Kompromiss vor, was wohl mit den 10 % Unentschiedenen geschehen könnte, die zwischen Russland und Estland nicht entscheiden wollen.

  7. suzan sagt:

    provokante gegenfrage: würdet ihr in einem land leben wollen, wo fremdenfeindlichkeit auf der tagesordnung steht?
    fremdenfeindlichkeit hat auch immer etwas mit angst vor unbekanntem zu tun und natürlich auch ganz viel mit niedriger bildung und schlechten zukunftsperspektiven

    um auf die frage zurückzukommen: NEIN, ich würde dort nicht hinreisen wollen, genausowenig, wie ich in die USA reisen würde oder in die Türkei!

  8. Jens-Olaf sagt:

    Moment, hier geht es um Estland, Russen gehen in ihre eigenen russischsprachigen Schulen, tuen das die Türken in Deutschland auch? Nein. Wir sind eben in Deutschland. Bitte nicht pauschalisieren.

  9. Axel sagt:

    Der Kompromiss ist schon in Ordnung, funktioniert aber nur dann, wenn das Problem der russischen Minorität als solches offiziell anerkannt wird

  10. Axel sagt:

    @suzan:
    Die USA steht bei mir schon seit mehr als 10 Jahren auf der schwarzen Liste, allein schon wegen der Todesstrafe. Ob die USA deswegen als prinzipiell fremdenfeindlich gelten muss, dass wage ich zu bezweifeln, schon wegen der Einwanderungstradition.

    Die Türkei allerdings ist nicht fremdenfeindlich, sondern reagiert sogar sehr gastfreundlich nach meiner Erfahrung. Warum sollte man also nicht dorthin fahren?

  11. Jens-Olaf sagt:

    Kaum ein westeuropäischer Staat muss mehr als 30% Einwanderung verdauen, warum also der Hochmut? WIR halten das nicht aus!

  12. Axel sagt:

    Was hat das mit Hochmut zu tun? Ich habe nichts gegen die Einwanderung in Deutschland, sondern bin sogar der Meinung, dass wir eine Einwanderungspolitik brauchen, die einfach anerkennt, dass Einwanderung notwendig ist.

    siehe zum Beispiel diese Diskussion zu Estland und Immigration.

  13. suzan sagt:

    @ Axel…weil die Türkei ein Polizeistaat ist und sie es mit den Menschenrechten nicht soooo genau nehmen, auch wenn sie offiziell etwas anders behaupten

    Jens-Olfaf…wer ist wir? und warum haltet IHR das nicht aus? sind wir nicht alle nur menschen? alle auf der suche nach ein wenig heimat?

  14. Jens-Olaf sagt:

    O.k., wir: damit meine ich zum Beispiel Frankreich nach den heftigen Auseinandersetzungen in den Vororten von Paris und woanders. Bei weitaus geringerer Anzahl Einwanderer hat das ehemalige Vorbild an Integration nicht gerade gut abgeschnitten. Die Vorfälle in Deutschland Anfang bis Mitte der 90er auch nicht, warum ist sowas in Estland und Lettland nicht passiert bei ganz anderen Verhältnissen. Riga hat etwa zur Hälfte eine russischsprachige Bevölkerung und das wird sich auch nicht ändern. Das könnten wir auch honorieren. Paris zur Hälfte arabischsprachig, Berlin zur Hälfte türkischsprachig, wie weit ginge dann unsere (deutsche) Toleranz. Und nicht vergessen. Für die Minderheiten gibt es im Baltikum eigene Schulen, auch wenn sie erst ein zwei Generationen dort sind, hier gönnen wir das nur den Sorben. In Frankreich steht sowas gar nicht zur Debatte. Arabische Einwanderer gehen in französischsprachige Schulen.

  15. suzan sagt:

    ich denke, das kann man nicht wirklich vergleichen, denn die verhältnisse sind doch etwas anders. Estland hat die Unabhängigkeit angestrebt und bekommen. Das damals die russische Bevölkerung nicht vertrieben wurde, das kann man doch heute nicht vergleichen mit der Zuwanderung in anderen europäischen Staaten. Die Menschen dort haben zu Zeiten der ehem. UdSSR mehr oder weniger friedlich zusammengelebt. Natürlich war das erzwungen, aber sich heute hinzustellen und zu behaupten, wir sind ja soviel besser, als alle anderen, und dem fremdenhass tür und tor zu öffnen, sich gar mit einem Einwanderungsland vergleichen zu wollen, das nenne ich Geschichtsverfälschung. Freiheit hat ihren Preis und den kannten die Esten, als sie die Freiheit gewählt haben.

  16. Axel sagt:

    @Jens-Olaf: kannst Du bitte Deine Blogadresse korrekt angeben (ohne www), da dich sonst Spamkarma immer rausschmeisst wegen Angabe einer nicht-existenten Webseite!

    @suzan: das sehe ich letztlich genau so. Und andere auch. Im Februar dieses Jahres hat der Europarat einen Bericht zu Fremdenfeindlich keit und Rassismus unter anderem auch in Estland veröffentlicht, der sicher Verbesserungen konstatiert, aber auch festhält, dass noch viel im argen liegt.

    Ich zitiere aus der Pressemitteilung:

    21/02/06 Europarat veröffentlicht Berichte über Rassismus in Estland, Litauen, Rumänien und Spanien

    Straßburg, 21.02.2006 – Das Experten-Organ des Europarates zur Bekämpfung von Rassismus, die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI), hat heute vier neue Berichte über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Intoleranz in Estland, Litauen, Rumänien und Spanien veröffentlicht. Die ECRI stellt eine positive Entwicklung in diesen vier Mitgliedstaaten des Europarates fest, verweist aber auch auf Punkte, die Anlass zur Besorgnis geben:

    In Estland erhalten immer mehr staatenlose Personen die estnische Staatsbürgerschaft. Estland hat jedoch immer noch keine konsequente Politik entwickelt, um die estnisch- und russischsprachigen Gemeinschaften einander näher zu bringen. Estland muss immer noch das gesamte Ausmaß des Holocausts in Estland prüfen und der Frage ihren rechtmäßigen Platz in der nationalen Debatte einräumen. Die Roma-Gemeinschaft ist in Estland immer noch überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit und Diskriminierung im Bildungsbereich betroffen.

  17. Jens-Olaf sagt:

    Wir liegen in unserer Eisnstellung zu Einwanderung wahrscheinlich nicht sehr weit auseinander. Ich hatte zum Beispiel mit dem Hinweis der getrennten Schulen auf ein Problem aufmerksam machen wollen. So bleibt die Trennung sprachlich natürlich bestehen und der Einstieg russischsprachiger Schulabsolventen in Berufe der Medien, Verwaltung und und wird erschwert. Das wurde erkannt, und allmählich in höheren Klassen der Estnischunterricht eingefordert. Das wiederum wird als Diskriminierung dargestellt. Ich möchte damit ausdrücken, dass Integration leicht eingefordert wird, gerade von Deutschland und Frankreich aus, aber dieses Problem der getrennten Gesellschaften durch das Schulsystem haben wir zum Beispiel nicht in dieser Weise. Deutschland hat ein Problem damit, dass Einwandererkinder im Vergleich zu anderen europäischen Ländern viel schlechtere Aufstiegschancen haben, die haben wir oft einfach nach unten durchgereicht, Endstation Hauptschule. Und das wegen fehlender Sprachförderung (Deutsch).

  18. Axel sagt:

    Wenn du die getrennten Schulen als Problem ansprechen wolltest, ja sicher. Obwohl es ja auch die Möglichkeit der Anerkunnung von Minderheiten gibt, inklusive Sprache: Belgien hat nicht nur flämisch und französisch, sondern sogar Deutsch als Amtssprache.
    Über das Schulsystem in Deutschland wollte ich jetzt nicht reden, da ist soviel im Argen, dass das ein ganz eigenes Thema ist. Und wiederum sowieso nicht vergleichbar mit Estland.

  19. Jens-Olaf sagt:

    Was mich an den Pressemitteilungen nervt, ist, dass sie nicht viel beitragen. Beispiel. 1996 berichtete der Rektor der Universität Tartu, Peeter Tulviste, dass sie mit einer Delegation seiner Uni Narva besucht hätten, um für Tartu Studenten zu werben. Das erste was sie überraschte war die Unkenntnis der russischsprachigen Ansprechpartner, dass es auch Studienmöglichkeiten in Estland, auch für russischsprachige gebe. Es wusste keiner davon. Das heisst natürlich auch, dass die Institutionen, Verbände der Minderheit, Mehrheit in Narva, wachgerüttelt werden mussten. Ähnliche Entwicklungen gibt es bei den Kindergärten. Da fallen schon länger die Hemmschwellen gegenüber der anderen Seite. Die Jüngeren haben das Thema schon durch.

  20. Jens-Olaf sagt:

    Einen entscheidenen Punkt habe ich noch vergessen, warum die Diskriminierungsfloskel nicht greift, wie wenig hilfreich sie ist. Die estnischen Behörden haben versagt, ebenso die russischen. Aber gut,es geht um Estland. Die Behördenfritzen haben sich jahrelang geweigert die HIV- Ausbreitung ernstzunehmen. Sie haben nicht rechtzeitig informiert aufgeklärt, nicht gegengesteuert sondern schlimmer noch blockiert. Nach dem Motto , sowas gibt es bei uns nicht. Folge: Die höchste Infektionsrate, und zwar bei der russischsprachigen jungen Bevölkerung. Das ist ein Skandal!

  21. Axel sagt:

    Das ist sicher ein langwieriger Prozess, der aber auch regierungsseitig aktiv unterstützt werden muss. Leider ist es aber so, dass eine aktive Förderung der Minoritätensprachen in Estland, besonders, was das Russische angeht, nicht existiert. Aus historischen Gründen verständlich, hilft das heute nicht weiter.

    Eine schöne Seite zu Sprachen und Sprachproblemen in der europäischen Union ist auf dem Server der europäischen Gemeinschaft zu finden, da kann man das dann auch mit anderen EU-Staaten vergleichen:

    http://ec.europa.eu/education/policies/lang/languages/langmin/euromosaic/index_de.html

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