Die Tochter

„Eigentlich war er ein Mistkerl!“
Hektisch zieht sie an ihrer Zigarette und fährt sich gleich darauf mit der freien Hand durch ihre langen, hennarot gefärbten Haare. Ihre Blicke wandern dabei durch die Umgebung, als wenn sie auf jemanden wartet.
„Aber andererseits habe ich immer auf ein klein wenig Liebe von ihm gehofft.“
Ihrem Ausdruck ist nicht zu entnehmen, welches der beiden Gefühle überwiegt.
„Die Familie lief für ihn immer irgendwo nebenbei, um uns Kinder hat er sich nicht gekümmert.“

Ich erinnere mich an meinen ersten Eindruck dieses Mannes. Das hervorstechendste war der kantige Schädel mit dem unübersehbaren Schmiss auf der Wange. Eine Masse von Mensch, wie er da stand und mich mit durchdringendem Blick musterte. Neben ihm wirkte seine Frau fast wie ein kleiner, verschüchterter Zwerg, klein und unbedeutend. Sie hatte uns damals an der Haustür abgeholt und in das große Wohnzimmer geführt, dieses Wohnzimmer, das irgendwie den Hauch eines ungemütlichen Büros hatte. Dieser Eindruck kam nicht von ungefähr, wie sie mir später erzählte, er hatte das Haus im Zuge der Sparkassenrenovierung gleich von denselben Handwerkern herrichten lassen.

Viel hatte sie mir auf der Fahrt in diese kleine unterfränkische Stadt von ihrer Familie erzählt und immer kreisten die Geschichten um diesen Mann. Wie ihr Bruder an ihm gescheitert sei, weil er den Ansprüchen des Vaters nicht gerecht werden konnte, und dass er sein Studium wahrscheinlich nie zu Ende bringen würde. Dass ihr Vater gesellschaftlich was darstellte in der Stadt, der Direktor der Sparkasse gehörte halt zu den Honoratioren. Wie sie sich immer schwarz ärgerte, wenn ihr immer wieder die Jubiläumsurkunde zu 25 Jahren bei der Sparkasse vorführte, und besonders stolz auf die Unterschrift des Ministerpräsidenten verwies. Natürlich wusste sie auch, dass man in seiner Position in der Staatspartei aktiv sein musste, aber das Bedauern darüber, nicht mit ihm diskutieren zu können, sie mit ihren grünen Gedanken, das schwang dabei immer mit.

„Zu Hause war er ganz schön hart, aber wenn wir durch die Stadt gelaufen sind, dann hat er uns stolz präsentiert. Überall wurden wir gegrüßt, besonders schlimm war das beim obligatorischen Kirchgang am Sonntag. Und wenn ich alleine unterwegs war, dann fühlte ich mich immer beobachtet, jeder wusste, das ist die Tochter vom Sparkassendirektor.“

Sie nimmt einen kleinen Schluck von ihrem Kaffee. „Naja, und was sonst noch zu Hause vorging, davon will ich lieber schweigen.“ Nachdenklich setzt sie die Tasse wieder ab. „Ich habe immer von der Großstadt geträumt und bin bei der ersten Gelegenheit abgehauen.“

Mit ihrem ersten Freund ist sie damals los, nach Norddeutschland in die Großstadt. Gleich nach dem Abitur. Die Freiheit habe sie genossen, demonstriert, linke Politik gemacht, war bei jeder Demonstration in Brokdorf und im Wendland, hat sie mir erzählt. Ich hatte mich damals gewundert, dass sie jedes Jahr mindestens einmal, im Dezember, nach Hause fuhr.

Noch einmal hatte ihr Vater in ihr Leben eingegriffen, damals nach dem Geschichtsstudium, als sie keine Anstellung fand, da hat er seinen Kollegen in der großen Stadt angerufen und ihr einen Job verschafft bei der Sparkasse. Danach hatte ich sie aus den Augen verloren, bis ich sie jetzt wieder traf in der großen Stadt.

„Und, was machst du jetzt?“ frage ich sie.
„Ach, ich bin jetzt glücklich verheiratet und habe zwei Kinder. Wir leben in unserem eigenen Haus in B.“ Sie greift wieder nach einer Zigarette.

Ich ziehe leicht die Augenbrauen hoch: „Aber du warst doch so glücklich aus der Kleinstadt rauszukommen, und jetzt in B.?“

„Das ist einfach praktisch mit den Kindern, da können die Schwiegereltern helfen.“ Sie stösst einen kleinen Seufzer aus. „Meine eigenen Eltern sind jetzt tot, dabei hätte ich ihnen noch so viel zu sagen gehabt.“

Mit einem Ruck greift sie ihren Autoschlüssel. „So, jetzt muss ich aber los, die Einkäufe nach Hause bringen und die Kinder abholen.“

Nachdenklich sehe ich ihr nach, wie sie im Parkhaus verschwindet mit den Tüten. Auf ihrem Weg in die kleine Stadt.

Diese Geschichte schielt nach Silber. Übermorgen läuft die Frist ab für den Gran Premio d´Argento del Don Alphonso und ich habe mich dann doch getraut, eine etwas längere Geschichte zu verfassen (könnte in die „Menschen“-Serie passen, steht hier aber für das Thema „Provinz“)

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3 Kommentare zu Die Tochter

  1. che2001 sagt:

    Eine schöne kleine Geschichte mitten aus dem Leben.

  2. manu sagt:

    ja, das finde ich auch und wünsch dir mindestens die kipferlgabel mit dem tortenheber!

  3. Hanna sagt:

    Ich finde, diese Geschichte spricht für mich und meine Generation und irgendwie bin ich es auch und es kann gar nicht besser beschrieben werden.

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