Höllenritt Alitalia 906

Eigentlich schien ja alles in Ordnung. Wie man mir gesagt hatte, stand ich 60 Minuten vor dem Start von AZ906 (kann mir eigentlich irgend jemand erklären, warum Alitalia das Kürzel AZ hat?), also 60 Minuten vorher stand ich am Check-In und kam auch gleich dran. Na gut, wie ich später merkte, hätte ich auch 10 Minuten vor dem Start kommen können, aber dafür bekam ich auch eine Bordkarte mit dem Sitz 1D, praktisch direkt hinter dem Piloten. Pünktlich ging es dann um 17:10 auch los, auf den planmäßig zwei Stunden dauernden Trip von Torino ZTC nach Milano MXP.

Ja, meine Leser sind absolut toll in Geografie und so höre ich förmlich den Aufschrei: Turin ist kaum mehr als 100 km von Mailand entfernt und dann soll der Flug 2 Stunden dauern? Richtig, AZ906 wird nicht mit einem Flugzeug, sondern mit einem Bus durchgeführt. Und es geht auch nicht vom Flughafen los, sondern Torino ZTC bezeichnet ein modernes, eigentlich ganz schönes, aber am Dienstag Nachmittag total leeres Einkaufszentrum in ehemaligen Fabriken von FIAT.

Aitalia AZ906

Und zu Fiat hatte der Fahrer des Busses auch eine besondere Beziehung – offensichtlich. Damit meine ich, dass er wohl ein Fahrertraining bei der Tochter mit den roten Autos gemacht hatte.

Vielleicht ist es ja noch normal, wenn er mit 60-70 km/h durch die Stadt fährt, meist auf der Bus-, Taxi- oder sogar Straßenbahnspur mit regennassen Schienen, dabei noch ein wunderbares Gefühl zeigt für den Verkehr, keine Notbremsungen oder Panikreaktionen bei Autos, die von links oder rechts über die Sonderspur abbiegen wollten. Auch als alles plötzlich stand, war er noch relativ gelassen. An einem Kreisverkehr war die Ampel ausgefallen und stur, wie die Italiener offensichtlich sein können, fuhr der gesamte Feierabendverkehr, aus vier Richtungen in den Kreis, oder der Teil, der es schaffte, aber kaum einer kam raus. Alle Richtungen blockierten sich gegenseitig, das passende englische Wort dafür ist Gridlock. 20-30 Minuten der reine Stillstand, bis normale Passanten anfinden den Verkehr zu regeln und schließlich auch zwei relativ gelangweilte Polizisten ein wenig eingriffen.

Endlich war der Bus frei. Und dann begann der Höllenritt.

Für eine Fluglinie wird es natürlich teuer, wenn viele Passagiere ihre Anschlussflüge verpassen oder sogar eine Hotelübernachtung notwendig wird. Also schaltete der verhinderte Formel1-Fahrer auf Bleifuß. Dazu ist zu wissen, dass zwei Drittel der Autobahn nach Mailand aus Baustellen besteht, mit Fahrbahnverengungen, Verschwenkungen und Geschwindigkeitsbeschränkungen auf 60-80 km/h. Aber unser Pilot jagte mit 100-120 durch die Baustellen, auf der Überholspur, 5 m hinter den Unos und Puntos, natürlich bei strömendem Regen. Überholen war für Lastwagen verboten, deswegen war es immer ein Zittern, wenn Lastwagen überholt wurden. Besonders interessant bei Trucks mit Containern, aber der Fahrer war clever, er wusste, das die Windböen von rechts lauerten, deswegen steuerte er nach dem Überholvorgang nach rechts auf den LKW zu, um von der Böe nicht nach links in die Baustellenbegrenzung gedrückt zu werden.

Appelle von Mitpassagieren, dass es doch besser sei, heil anzukommen, als den Flug zu erreichen (ein Widerspruch in sich?), wurden ignoriert. Also war gemeinsames Zittern angesagt. Mit 20 Minuten Verpätung kamen wir an, meinen Flug habe ich noch erreicht. Ich musste sogar noch 5 Minuten warten am Gate. Und dann hatte der Flug 20 Minuten Verspätung.

Dagegen war die Hinreise am Montag ganz normal. Pünktlich ins Flugzeug kann es halt im Januar passieren, dass man fast 90 Minuten auf dem Rollfeld steht, weil Nebel in Mailand ist. Und im Nachhinein war es für meine Nerven vielleicht nicht schlecht, dass ich deswegen den Höllenrittbus verpasst habe. Und auch auf den alternativen AZ-Bus verzichtet habe, weil das fast 5 Stunden Warten bedeutet hätte. Stattdessen mit dem Transferbus zum Mailänder Hauptbahnhof gefahren und den Zug genommen. Mit dem kam ich nur 3 Stunden zu spät. Naja, bei Aufstehen um 4 Uhr morgens war das trotzdem etwas anstrengend.

Morgen (heute) reise ich nicht und bleibe in Berlin.

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4 Kommentare zu Höllenritt Alitalia 906

  1. Clarissa sagt:

    oh oh wer reist, der kann was erzählen 😉 sag mal axel hast du schon mal über eine hohe lebensversicherung nachgedacht? das klingt ja echt gefährlich und da denkt man das ein „schreibtischjob“ ruhig wäre.

    na ich bin jedenfalls froh das du wieder heil angekommen bist.

  2. manu sagt:

    …vieleicht kannst du ja auch den beruf wechseln, werde einfach drehbuchautor für actionsfilme!

  3. Axel sagt:

    Drehbuchautor, ja. Darüber habe ich mindestens vor 5 Jahren mit Klaus (Bühne) diskutiert und wollte es machen. Aber Klaus, der die Fernseherfahrung hatte und auch nach eigener Aussage einige Kontakte, hat das offensichtlich nach begeisterter Zustimmung dann einfach vergessen.

  4. Pingback: Hannaxels Blog » Blog Archive » Langer Abend

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