Einmal von Hamburg nach Berlin und halb zurück

Nach meinem Studium war ich gut 13 Jahre bei einem Systemhaus in der Softwareentwicklung tätig. Ich würde das Unternehmen irgendwie als „Early New Economy“ bezeichnen, inspiriert von 68er Ideen hatte die Firma das Prinzip, entweder wurde man nach 2 Jahren Gesellschafter oder man ging (gegründet 1968 war die Firma zunächst als „Programmierkommune“ bekannt). Ich wurde Gesellschafter und blieb.

Die Firma hatte gute Ideen und bekam dann auch damals (80er Jahre) 5 Millionen DM Corporate Venture Capital zur Entwicklung eines Parallelcomputers. Einhergehend damit mussten sich die Gesellschafter verpflichten, mindestens 5 Jahre in der Firma zu bleiben. Einige gingen, ich aber blieb.

Zusätzlich zum Venture Capital wurden die Entwicklungen auch über europäische und nationale Projekte finanziert. Ich startete mit einem europäischen Projekt in der Frühphase der Förderprogramme der EU und wurde dann zuständig für diese Projekte, wahrscheinlich wegen meiner Englischkenntnisse. Da diese Projekte nur zu 50% gefördert waren, musste man den Eigenanteil als Investition abschreiben. Auf Dauer konnte das nicht klappen, denn als „alternative Firma“ waren die Schwierigkeiten mit dem notwendigen Vertrieb doch sehr groß. Es war klar, dass das mit diesen Projekten nicht weitergehen würde. Ich blieb, aber begann mich umzuschauen nach Alternativen.

Als die Bindungsfrist als Gesellschafter abgelaufen war, fand ich eine französische Beratungsfirma, die auf die Unterstützung dieser europäischen Projekte spezialisiert war. Ich verständigte mich auf eine Zusammenarbeit, leider nicht angestellt, sondern zunächst freiberuflich und dann mit Gründung einer GmbH in Deutschland. Meine „alte“ Firma ging 2 Jahre nach meinem Weggang in den Konkurs. Ich aber blieb zumindest Gesellschafter (in einer neuen Firma).

Leider fand ich erst nach zehn Jahren heraus, dass ich für das Verkaufen meiner Arbeit nicht so geeignet war, besonders da Dienstleistungen im deutschen Forschungs- und Entwicklungsbereich eher ungern bezahlt wurden. Und ein guter Verkäufer bin ich auch nicht, ich kann mich zu gut in Bedenken des potenziellen Käufers einfühlen. Meine Kollegen (aus Paris) vermittelten mir auch einige Projekte, so dass ich für 10 Jahre recht gut zurecht kam. Allerdings wurde ich müde, nach neuen Aufträgen zu jagen. Da traf es sich irgendwie, dass ein Kollege aus meiner ersten Firma mir den Kontakt zu einem Professor der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) vermittelte. Ich bekam einige Aufträge, die ich erfolgreich durchführte, bis die Bitte kam, ihn bei einer Vorbereitungssitzung für ein neues Projekt zu vertreten. Da war ich immer noch Gesellschafter.

In der Sitzung zu diesem Projekt, es war kurz vor Weihnachten 1999, wenn ich mich recht erinnere, war ein anderes Institut der TUHH durch eine Engländerin vertreten, die mittlerweile meine Chefin ist. Und ein Unternehmen aus der damals boomenden „New Economy“ war auch als potenzieller Partner vertreten. Dieses Unternehmen leistete sich sogar ein „Institute for Media Development“, in dem neue Techniken mit Hilfe von europäischen Forschungsprojekten entwickelt wurden. Ich war die quasi Selbständigkeit leid und ging direkt auf diese Firma zu und fragte nach einem Job. Ich bekam ihn und war nicht mehr Gesellschafter.

Als ich am 1. Juli 2000 meinen neuen Job in Berlin antrat, war derjenige, der mich mehr oder weniger eingestellt hatte, unter mehr oder weniger dubiosen Umständen nicht mehr dabei. Die Firma allerdings boomte und hatte kurze Zeit später ihre Hochphase mit etwa 1200 Mitarbeitern weltweit. Das klang nach einem sicheren Job, auch wenn die Firma heftige Verluste machte, aber es ging nicht um Gewinne, sondern um Steigerung des „Shareholder Values“. Ich kam gut rein in den Job, hatte sogar ein Jahr später Aktienoptionen, ich war nicht mehr Gesellschafter, sondern potenzieller Aktionär.

Ich nahm mir eine Zweitwohnung in Lichtenberg, mehr oder weniger in Fußreichweite zur Firma. Ich lernte übers Internet Hanna kennen und hatte eine wilde, hin und her wogende Zeit mit ihr. Schließlich entschloss ich mich, mit ihr zusammen zu sein. Der Aktienkurs meiner Firma allerdings begann zu sinken, nach dem Höchststand von etwa 180 DM bekam ich meine Optionen für 79 und die Firma verteilte T-Shirts mit der Aufschrift 10/10/100: 10% Rendite, 10% Umsatzsteigerung, 100 DM Aktienkurs (die Firma existiert noch mit einem Kurs von 1,36 €). Es musste platzen und plötzlich war ich der letzte meiner Abteilung. In der zweiten oder dritten Entlassungswelle bekam auch ich dann meine Kündigung. Das laienhafte Management setzte sich fort und mangels nicht Entscheidungsbefugter Vertreter vor dem Arbeitsgericht bekam ich zumindest eine sehr gute Abfindung vor dem Arbeitsgericht. Aber jetzt war ich weder Gesellschafter noch Aktionär, ich war arbeitslos.

Da erinnerte ich mich an die Engländerin mit der Verbindung zu einem anderen Professor. Sie hatte mich in guter Erinnerung und gab mir zunächst einen freiberuflichen Auftrag, danach einen Vertrag. Das war 2002, seitdem habe ich nacheinander befristete Verträge, die mich davon abhalten, nach Hamburg umzuziehen (außer Hanna). Also habe ich jetzt einen Erstwohnsitz in Berlin, eine Zweitwohnung in Hamburg und pendle über die Woche. Jetzt bin ich Angestellter.

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Facebook

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitszimmer, Wohnzimmer veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Einmal von Hamburg nach Berlin und halb zurück

  1. Pingback: Hannaxels Blog » Blog Archive » Meine Blogroll

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.