Fahrradklingel

E. hatte schon früh ihre gesicherte Familie verloren. Ihr Vater hatte es gewagt, gegen eine katholische Stiftung in einen Erbschaftsstreit zu ziehen. Das war von vornherein aussichtslos, in Rheinland-Pfalz hat so eine Stiftung die besten Verbindungen zu den Gerichten im Lande. Eigentlich war die Familie eine lokale Größe, der Großvater hatte als Architekt für viele Gebäude des Kurviertels der Kleinstadt verantwortlich gezeichnet, aber sein angeheirateter Sohn konnte die Risiken eben nicht so gut einschätzen. Plötzlich sah sich die Familie auf das Existenzminimum gepfändet, diese Lokalgrößen wussten plötzlich nicht, wie sie den Wintermantel finanzieren konnten.

Als erstes starb zermürbt der Vater und auch die Mutter erlebte den endgültigen Sieg beim BGH nicht so richtig. Auch die letzte Familientradition drohte zu entgleiten und so entschloss sich E. in das Dorf bei der Kleinstadt zu ziehen und um die Mietwohnung der Eltern, ein armseliger Ersatz für die gepfändete Villa im Kurviertel zu kämpfen. Plötzlich saß ich allein da in der Großstadt Hamburg und verbrachte viele Nächte von Freitag auf Samstag und von Sonntag auf Montag im Liegewagen zwischen Hamburg und Frankfurt.

Während der Woche habe ich gearbeitet und hockte allein in der verlassenen Wohnung, aus der auch die beiden Katzen aus vernünftigen Gründen mittlerweile in die Kurstadt verfrachtet worden waren. Von Zeit zu Zeit musste ich raus aus der Wohnung und fand eine Kneipe nicht weit von der kleinen Sackgasse, die mein Zuhause war.

Irgendwann traf ich dort I., die mich faszinierte. Fahrig, immer mit den Händen in ihren Haaren, saß sie neben mir auf dem Barhocker. Sie hatte einen blauen Overall an, wie er zu der Zeit in Mode war und, wie ich bald erfahren durfte, kam sie die 200 Meter zur Kneipe mit ihrem NSU-Fahrrad aus Berliner Notbeständen, ein schweres Gerät ohne Gangschaltung oder komfortabler Federung. Irgendwie sprang der Funke über und ich erfuhr auch, dass sie in einem Haus nur 50 m von meiner Wohnung entfernt wohnte. Dort sah ich dann auch oft das NSU-Fahrrad stehen und es erinnerte mich an sie. Aber wo genau sie wohnte, habe ich bei den paar Treffen in der Kneipe nicht erfahren.

Dann habe ich I. ein paar Tage nicht gesehen und hätte sie doch sehr gern getroffen. Aber in der Kneipe traf ich sie nicht an und ich überlegte, was ich tun könnte.

Da fiel mir das Fahrrad ein, das so typisch und unverwechselbar war, und ich produzierte einen Zettel, auf dem ich zum Ausdruck brachte, dass ich I. wieder sehen wollte, und klemmte ihn in die Klingel ihres Fahrrads. Natürlich war ich auf geregt, aber auch irgendwie befriedigt, dass ich die Kontaktaufnahme geschafft hatte, und ich ging aufgeregt und voller Vorfreude nach Hause.

Dort klingelte dann sehr bald das Telefon, mein Vater war dran und brachte mir die Nachricht, dass meine Mutter gestorben war. Natürlich sagte ich, dass ich sofort käme, und begab mich auf den Weg. Aber bevor ich ins Taxi stieg, entfernte ich den Zettel aus der Fahrradklingel, das war nich das, worum ich mich in dieser Situation kümmern konnte.

Heute, wenn ich jemand fragt, wer I. sei, dann sage ich, das sei meine Ex-Frau.

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