Briefe von W.

Irgendwo in unserer Wohnung existiert ein leicht zerfledderter Archivkarton mit einer Menge Briefe. Der Großteil davon sind eng beschriebene lange Luftpostbriefe aus den USA, bei denen ich wünschte, dass nicht nur die eine Seite der Kommunikation in diesem Karton wäre, sondern auch die fast eben so langen Luftpostbriefe auf dem dünnen Papier aus Hamburg. Die Kombination beider Seiten wäre, wenn nicht ein Zeitdokument, dann zumindest eine persönliche Erinnerung, sozusagen ein Offlineblog der frühen siebziger Jahre.

Anfang der siebziger Jahre während meiner Studentenzeit lebte ich mit E. in einer 35 qm-Wohnung in Hamburg. Knapp 100 DM Miete waren das damals, wobei noch etwas mehr dazu kamen, denn die Wohnung hatte keine Heizung und musste mit elektrischen Radiatoren gewärmt werden. Wir hatten die Wohnung nach unserem Studium in London von Verwandten des späteren Mannes meiner Schwester übernommen, die Wände waren großflächig in braun-gelben Mustern tapeziert, wie damals häufig zu finden. Das wollten wir immer ändern, waren aber mit Studium und uns selbst viel zu sehr beschäftigt, als dass das jemals in Angriff genommen wurde.

Irgendwann wurden wir drei, es kam eine kleine Katze namens Leyli dazu, benannt nach der türkischen Form des Mädchennamens in einer berühmten orientalischen Liebesgeschichte, der von Leila und Madschnun. Leyli war 10 Wochen alt, in einem großen schwarz-weißen Muster und recht geschickt, ich habe ihr damals leider beigebracht, dass auch Katzen Türklinken betätigen können, indem sie sich daran hängen, ein Talent, das ich heute bewusst vermeide, in meinen Katzen zu entdecken.

Irgendwann kam ein Anruf meiner Familie in dieser Zeit, eine Verwandte meiner Großmutter aus den USA wäre auf Europabesuch und ob ich mich nicht ein wenig um sie kümmern könnte. Also habe ich mich mit W. verabredet. Sie kam in unsere Wohnung und ich erinnere mich daran, wie sie auf dem improvisierten Sofa, dass aus alten Drittelmatratzen eines alten Ehebettes bestand, notdürftig mit einer orangenen cordartigen Decke verkleidet. Dort saß sie dann in einem blauen hippieartigen Kleid und Türklinkenleyli besetzte sofort ihren Oberschenkel. W. war nur leicht älter als ich und wir plauderten angeregt bis in die Puppen.

Ich war schon fasziniert: da saß eine nicht unansehnliche Frau meines Alters, von Yale, einer amerikanischen Eliteuniversität, sie war auch politisch nicht uninteressiert, was nicht für viele Amerikaner galt, ich war gerade aus England zurück, glücklich, Englisch sprechen zu können. Wo E. war, weiß ich nicht, vielleicht hatte sie zu tun, vielleicht war sie ins Bett gegangen, vielleicht hatte sie sich was anderes vorgenommen, vielleicht habe ich sie einfach aus der Erinnerung ausgeblendet, das Verhältnis war ja auch nicht ganz einfach.

W. habe ich noch einmal getroffen, wir hatten viele Gespräche, aber alles auf reiner „platonischer“ Ebene. Ich habe es aber genossen und wir haben natürlich Adressen ausgetauscht. Und dann begann ein langer und intensiver Briefwechsel, der alles von Politik bis zu ganz Persönlichem abdeckte. Irgendwie baute ich so ganz langsam W. zu einer fernen Geliebten auf, sie wurde langsam so etwas wie die Frau meiner Träume. Irgendwann fing E. allerdings einen Brief ab, öffnete ihn. Und sie machte mir die Hölle. Und W. schrieb sie einen Brief, dass sie den Kontakt sofort einzustellen hätte. Das war das Ende der Kommunikation.

Anfang der neunziger war ich mit A. in New York und wollte dann die Gelegenheit nutzen, W. noch einmal zu sehen. Wir fuhren also mit dem Nahverkehrszug nach New Haven und trafen W. und ihren Mann. Dieses Treffen hat dann alle alten Träume zerstört. Da saß eine alte Hippiefrau, total unzufrieden mit ihrem Leben, ja, auch mit ihren Kindern, vielleicht auch mit ihrem Mann. Der Briefwechsel hatte keinen Platz in der Erinnerung, alles in allem war sie verfangen in den 70ern, aber nicht in der Vergangenheit, die ich, offensichtlich sehr verklärt, in meiner Erinnerung hatte.

Wenn ich heute Google bemühe, dann ist sie wohl die Frau eines wenig bekannten Malers und Illustrators und Mutter zweier Kinder. Also irgendwo alles das, was ich ihr damals nicht zugetraut hatte.

Ich glaube, ich muss die Briefe einmal wieder lesen.

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