Durchgeknallte Bürgerkinder und paranoide Staatsmacht

Eine persönliche Erinnerung

Allenthalben wird zur Zeit vom „Deutschen Herbst“ berichtet, den Aktivitäten der RAF von den 70er bis zur Auflösung in den 90er Jahren. Wie so vieles liegen die Wurzeln in der 68er-Bewegung, die erste große Koalition hatte die linke Opposition geeint und mit dem Ende der Koalition zerfiel auch die Studentenbewegung. Der SDS löste sich auf, die Leute gingen in Kaderorganisationen wie DKP oder ihre Studentenorganisation, den MSB Spartakus, sie schlossen sich maoistischen Grüppchen an oder wurden apolitische Hippies.

Ein paar Leute mit durchaus bürgerlichem Hintergrund meinten aber, die Revolution in Deutschland erreichen zu müssen und wollten das zunächst mit eher harmlosen Aktionen wie der Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus erreichen. Den Vertretern des deutschen Volkes gefiel das nun ganz und gar nicht und er reagierte mit aller Härte. Zunächst überharte Urteile, die eine Gefangenenbefreiung nach sich zogen, die RAF-Leute in den Untergrund trieben und sie zu absolut sinnlosen Aktionen antrieben, worauf der Staat usw. usw.

Ich selbst war für die 68er ein wenig zu jung, auch wenn wir an der Schule eine Politik AG gegründet hatten und dort von SDS-Aktivisten begleitet (oder indoktriniert?) wurden. Bei mir standen die üblichen Bände von Marx und Engels im Regal und wie fast alle Linke in der Anfangszeit der RAF hatte ich durchaus einige Sympathien für Baader, Meinhof und Co. Allerdings waren mir die Gewalt durchaus fremd, als theoretischer Revolutionär dachte ich immer, dass eine Revolution als Umsturz gegen „die Herrschenden“ nur vom Volk ausgehen konnte und das stand den Ideen der RAF total ablehnend gegenüber. Also war ich so ein richtiger „scheißliberaler“ Halblinker, wie die Hardliner damals gesagt hätten: manchen Ideen gegenüber offen, ein wenig sympathisierend, aber im Grunde des Herzens mit Unverständnis gegenüber diesen Bürgerkindern.

Die gegenseitige Gewaltspirale kulmulierte dann vor 30 Jahren in der Schleyer-Entführung und der Entführung der Landshut nach Mogadischu. Der Staat reagierte in keiner Weise gelassen und wurde immer paranoider und das war dann durchaus im täglichen Leben zu spüren. Dabei folgten die Vertreter der deutschen Exekutive einfach alten Vorurteilen: während die RAF-Leute längst in Mittelklassewagen mit Anzug und Krawatte unterwegs waren, waren den Durchschnittspolizisten immer noch bärtige Langhaarige verdächtig.

Und ich war damals noch vollbärtig und langhaarig, und so habe ich diese vorherrschende Paranoia in einigen Momenten hautnah gespürt. Ich hatte 1977 im Deutschen Herbst gerade angefangen, in einer Computerfirma zu arbeiten und „genoss“ meine ersten Dienstreisen.

Einmal fühlte ich mich richtig in Lebensgefahr. Ich war auf dem Weg nach Düren, um einen von mir programmierten frühen Kontoauszugsdrucker zu demonstrieren. Ich saß alleine in einem Erste-Klasse-Abteil des Intercitys, als plötzlich ein junger Mann im Jeansanzug in mein Abteil stürmte, mit (entsicherter?) Maschinenpistole unterm Arm und nach meinem Ausweis verlangte. Mit zitternden Fingern kramte ich den aus meiner Tasche hervor und bemerkte erst nach der Prüfung, dass dieser Bewaffnete eine Armbinde trug mit der Aufschrift „Kriminalpolizei“.

Ein anderes mal war ich abends privat mit unserem Firmenwagen unterwegs. Dieser Firmenwagen war ein weißer VW-Bully, ein VW-Bus wie er auch bei der Schleyerentführung verwendet wurde. Ich war mit meiner Begleiterin auf dem Weg nach Hause, als uns plötzlich ein Zivilwagen folgte. Als ich in unserer Sackgasse parkte, standen die zivil gekleideten Insassen des Wagens plötzlich neben uns, erklärten, sie seien von der Polizei und verlangten nach unseren Papieren. Wie es so ganz normal ist, hatte meine Begleiterin ihren Ausweis natürlich in ihrer etwas größeren Handtasche. Sie griff nach dieser und wollte nach dem Ausweis kramen, da stürzte einer der Polizisten vor, griff sich die Tasche und sagte: „Ich mach das!“ Und dann durchwühlte er die Handtasche, ganz offensichtlich auf der Suche nach Faustfeuerwaffen. Hinter uns hergefahren sind sie übrigens, weil ein Rücklicht nicht funktionierte im Dunkeln.

Ein Rekord aus dieser Zeit wird wohl für mich immer bestehen bleiben: Innerhalb von zwölf Stunden an einem Tag ist mein Ausweis neunmal von der Polizei kontrolliert worden!

Eines Tages nach der so genannten Wiedervereinigung erklärte sich die RAF dann für aufgelöst. Die paranoiden Gesetze blieben, genauso wie alle jetzt verabschiedeten Gesetze wegen der neuen „Terrorgefahr“ bleiben werden, auch wenn die Gefahr vorbei sein sollte.

Dieser Beitrag wurde inspiriert durch die Ankündigung von Don Dahlmann, dass sich sein Netzmagazin „Mindestens haltbar“ (sehr lesenswert übrigens) in der nächsten Ausgabe mit der RAF beschäftigt.

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