Es ist ein Kreuz

Kreuz der christen

November, Dezember und ein wenig Januar sind schon merkwürdige Monate. Staatsvertreter und Politiker in Deutschland treffen sich in Kirchen am Volkstrauertag, es ist der Buß- und Bettag (in diesem Fall ist der Segen der neuen Rechtschreibung klar erkenntlich, jetzt kann ich ausdrücken, was er immer für mich war, ganz unzweideutig, nämlich ein Buß- und Betttag, als er noch Feiertag war), und es kommt der Totensonntag, an dem, wieder in Kirchen, der Toten gedacht wird.

Dann wird plötzlich von Trauer auf Freude umgeschaltet, es ist nahe am Weihnachtsfest, dem Wintersonnenwendenfest, ein Termin, auf den aus opportunistischen Gründen die Geburt des oben doch sehr elend aussehenden Mannes gelegt wurde.

Wie heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland?

Artikel 4

[Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit]

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Ich interpretiere es so, dass der Staat nicht von der Religion bestimmt wird, es gibt keine Staatsreligion. Was soll also die Staatspräsenz in Kirchen zu dieser Jahreszeit? Geht der Bundestag in eine Moschee zum islamischen Opferfest? Oder ist Jom Kippur ein staatlicher Feiertag in Deutschland so wie viele christliche Feste? Warum berichten alle Medien darüber, dass die Kirchen gegen die Öffnung der Läden an Adventssonntagen klagen, da spricht doch nichts gegen, dass die Nichtchristen einkaufen können, und die Christen sind sicher so religiös, dass sie zu Hause bleiben. Warum klagt der Rat der Juden nicht gegen die Öffnung der Läden am Sabbat, oder die Muslims gegen die am Freitag?

Liegt es vielleicht daran, dass uns die deutsche oder mitteleuropäische Gesellschaft ein wenig indoktriniert (hat)?

Ein Blick zurück in meine eigene Kindheit würde das bestätigen. Schon früh wurde ich in den Kindergottesdienst geschickt. Es wurden einem Heftchen in die Hand gedrückt, für die man an jedem Sonntag, an dem man im Gottesdienst erschien, ein Bildchen erhielt, religiös natürlich, das man in das Heft einkleben konnte. Da ich musikalisch war, wurde sehr bald der Kirchenchor, seine Auftritte und Proben zum Pflichttermin. In der Schule gab es Religionsunterricht, von dem mich meine Eltern natürlich nicht befreit haben, ich war ja nicht religionsmündig.

Diese Termine wurden schlimmer mit dem Nahen der Konfirmationszeit. Dann gab es Indoktrinationstermine, die Pflicht waren, denn sonst wäre die Konfirmation gefährdet gewesen. Ja, ich gebe es zu, sie war für mich wichtig, es gab ein Fest, bei dem ich im Mittelpunkt stand, ich bekam viele Geldgeschenke und konnte mir danach für sagenhafte 220 DM ein Transistorradio kaufen, wie sie gerade damals das letzte Gadget waren, wie man heute sagen würde.

Für mich war es dann mit 14 aber vorbei. Ich war nicht überzeugt und machte danach nur noch Gefälligkeitsbesuche in den Kirchen, zu Hochzeiten, Trauerfeiern oder Taufen. Bis auf einmal, während meines ersten Weihnachtens weg von zu Hause, als ich in London studierte, da war ich in der Westminster Abbey, um die Stimmung mitzubekommen. Da war ich 21, und in gewisser Weise geheilt, bis auf einen halben Heiligen Abend habe ich an diesem Tag die Familie danach vermieden. Irgendwann bin ich dann auch aus der Kirche ausgetreten.

Apropos Taufe: meine Schwester hat mir eine Sache sehr übel genommen. Nach der Geburt meiner Nichte V. hat sie mir angetragen, Taufpate zu werden. Ich musste nicht lange nachdenken und habe abgelehnt. So weit hatte meine religiöse Erziehung gewirkt, um zu erkennen, dass ein Pate kein Geschenkautomat ist, sondern dazu, um eventuell für die Eltern bei der religiösen Erziehung des Taufkindes einzuspringen. Wie kann ich religiös erziehen, wenn ich nicht (mehr) religiös bin?

Und um es ganz deutlich zu machen: ich bin kein Atheist, denn dann würde ich mich durch Gott definieren. Nennt mich Agnostiker, Gott ist mir egal.

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Facebook

Dieser Beitrag wurde unter Wohnzimmer veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Es ist ein Kreuz

  1. Clarissa sagt:

    Danke für diesen Beitrag, er spricht mir aus der Seele. Gut das es Menschen gibt die auch so denken und schon fühle ich mich nicht mehr so alleine.

  2. Pingback: Hannaxels Blog » Blog Archive » Klarstellung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.