Klarstellung

Eine liebe Freundin hat mir in einer Nachricht vorgeworfen, ich mache mich in diesem Artikel über religiöse Leute lustig: Warum musst du trotzdem abwertend über Gott und Menschen reden, die sich gläubig beschreiben? Siehe auch Blog… Nichts lag mir ferner als das, und beim genauen Nachlesen wird das sicher bestätigt, auch wenn vielleicht einige rein durch meine persönliche Erfahrung bedingte zynische Bemerkungen enthalten waren.

Ich möchte es also noch einmal ausdrücklich klar stellen: jeder soll mit seiner eigenen Religion glücklich werden, egal ob der Papst, Buddha, Mohammed, eine Synagoge, eine Moschee, ein goldenes Kalb oder sogar ein Spaghettimonster Teil des Glaubens sind. Oder eben wie bei mir keiner vorhanden ist. Der Glauben ist die Privatsache jedes Einzelnen, genauso wie sexuelle Vorlieben, bevorzugtes Fernsehprogramm, Lieblingsfußballclub oder die Wohnungseinrichtung. Im Gegenteil, manchmal beneide ich sogar Leute, die glauben (können), denn sie haben es sicher oft einfacher, weil sie den Glauben haben, wenn andere an Zweifeln und Unsicherheiten manchmal zerbrechen.

Aber das entscheidende Wort für mich ist das Wort „Privatsache“. Konkreter Anlass waren zwei Tatsachen. Die eine waren die Tatsachen, das diverse Politiker sich in ihrer Eigenschaft als Politiker an diversen Novembergedenkgottesdiensten beteiligt haben. Die zweite war die Klage der Kirchen gegen die Ladenöffnungen an Adventssonntagen in Berlin. Die Religion von Politikern und ihre eventuelle Teilnahme an Gottesdiensten halte ich für Privatsache. Und Ladenöffnungszeiten hat allein der Staat und die Vertreter des Volkes zu entscheiden, da haben die Kirchen nichts zu sagen. Und als Privatsache sollte beides den Medien keine Meldung Wert sein (ja, ich weiß, nichts ist für die Medien interessanter als das Private).

Also: jeder kann in seinem Kämmerlein glauben, was er will. Aber:

  • der Staat sollte sich jeglicher Religion enthalten, auch beim christlichen Glauben, nicht nur beim Wettern gegen den islamischen Gottesstaat, sondern auch beim Verbannen zum Beispiel von christlichen Kreuzen aus staatlichen Schulzimmern. Das gibt es immer noch in Deutschland!
  • Politiker sollten sich offiziell aus Gottesdiensten fernhalten oder alle Religionen bedenken (da hätten sie aber zu tun!).
  • Kirchen und Religionen sollten sich jeglicher Missionierung und Mission auf offizieller Ebene enthalten. Um provokativ zu sein, das Problem mit Scientology ist nicht die Religion, sondern die manipulative Mission.
  • Ansonsten soll wirklich jeder nach seiner Façon selig werden, insofern hat das (in den letzten Tagen gefallene Wort) vom christlichen Abendland in unserem Staat nichts zu suchen.

Darüberhinaus fände ich es wirklich anregend, wenn die Diskussion über „strittige“ Artikel in unserem Blog tatsächlich auch über die Kommentare hier durchgeführt werden.

Nachtrag: Die gute Freundin kennt übrigens die besten antikirchlichen Witze. Vielleicht einigen wir uns darauf: persönliches Recht und Freiheit ist etwas Anderes als institutionelle Dogmen und Verfahren.

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8 Kommentare zu Klarstellung

  1. Ursel sagt:

    Hallo Axel,

    ich habe etwas Bauchschmerzen mit „Politiker sollten sich offiziell aus Gottesdiensten fernhalten oder alle Religionen bedenken (da hätten sie aber zu tun!)“ Mit dem zweiten Teil des Satzes und dem Zusatz in Klammern hast Du absolut Recht. Nur: Wie sollte „offiziell aus Gottesdiensten fernhalten“ aussehen? Soll der Politiker dafür „bestraft“ werden, dass er der Öffentlichkeit bekannt ist, in dem er nicht mehr in die Kirche gehen dürfte, weil er Politiker ist und das als politische Aussage missgewertet werden könnte? Wenn Religion wirklich Privatsache ist, soll m. E. trotzdem ein Politiker in die Kirche gehen können, auch wenn er gesehen wird – muss er denn diese private Seite verstecken?

    Wird klar, was ich sagen will? Ich könnte mir vorstellen, ich hab etwas verwirrend formuliert.

    Fragende Grüße,
    Ursula

  2. Axel sagt:

    Ich denke schon, dass Personen des öffentlichen Lebens da durchaus Möglichkeiten haben. Sie müssen bei solchen Besuchen nicht notwendigerweise Pressemitteilungen veröffentlichen, die machen die Journalisten erst aufmerksam in der Regel. Und wenn sie interviewt werden, könnten sie ganz klar sagen, dass es sich um eine Privatsache handelt und jeden weiteren Kommentar vermeiden, so schwer dürfta das eigentlich nicht sein.

  3. karsten sagt:

    @ Ursel: In die Kirche (Synagoge, Tempel, Basar, Kneipe) zu gehen sollte privat und jedem frei überlassen sein. Auch für Personen des öffentlichen Lebens. Dann sollen aber auch der Pressestab und die Fotographen draussen bleiben.
    Meine ganz eigene Meinung.

  4. Ursel sagt:

    @ Karsten:
    Ja, da stimme ich sehr zu. Ich fürchte nur, dass „Pressestab und Fotographen draußen bleiben“ nicht so einfach ist.
    @ Axel: Auch Dir stimme ich zu. Ich ziele mit meiner Frage eher darauf ab, dass auch Politiker manchmal Opfer von Paparazzis sind. Wenn wir, die wir das sehen, dann in der Lage sind zu sagen: Das ist ne Privatsache des Politikers, dann wäre das m. E. das Optimum: Politiker kann seine Religion ausleben, wir sind davon trotzdem nicht beeinflusst. Medien hin, Medien her. Wäre schön, wenn die Mehrheit so differenzieren könnte.

  5. Axel sagt:

    Ja, die Mehrheit kann das nicht so offensichtlich. Allerdings wissen die Politiker um die Papaazzis und müssten wissen, wie sie sich drauf einstellen können. Und auch für die „mehrheit“ sind Heckenfotos was anderes als offizielles

  6. Rixosus sagt:

    Ich sehe es ähnlich wie Ursel. Es ist eine Privatsache und man hat das Recht darauf, seine Religion auszuleben. Also nicht mehr in die Kirche gehen zu dürfen, nur weil man Politiker ist, halte ich für übertrieben. Dann sollten die Politiker auch nicht mehr in Kaninchenzüchtervereine, weil sie auch da auf Stimmenfang sind oder tatsächlich Kanickel-Fans sind, das können wir nicht beurteilen. Aber ganz klar ist, jegliche Subvention seitens des Staates an Kirchen oder Kanickel-Vereinen hat auszubleiben. Äußerst pervers ist hier z.B. die Eintreibung von Kirchensteuern über Staatsorgane.

  7. Axel sagt:

    @rixosus: das sehe ich ganz genauso. nur mit dem Unterschied, dass ich nicht meine, dass Politiker nicht in Kirchen oder Karnickelvereine gehen dürfen. Wenn sie es tun, kann man Öffentlichkeit nicht notwendigerweise vermeiden, aber ich denke schon, dass sie den Eindruck des Stimmenfangs vermeiden könnten.

  8. juliaL49 sagt:

    @Rixosus + Axel

    Gerade die Verquickung von Kirche und Staat durch die Kirchensteuer finde ich sehr seltsam. Das ist bei mir aktuell, da ich vor Kurzem aus der Kirche ausgetreten bin und das auch auf der Lohnsteuerkarte ausgetragen werden muss.
    D.h. jetzt bin ich zwar offiziell nicht mehr Mitglied, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich nicht gläubig bin. Wie schon angesprochen ist das Privatsache und ich fühle mich von der (katholischen) Kirche in den allermeisten Belangen nicht richtig „repräsentiert“ (wenn ihr versteht, was ich meine) und habe den Glauben nun in den mehr privaten Bereich verlegt.

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