Akrophobie

Angst haben wir alle. Der Unterschied liegt in der Frage: Wovor.
Frank Thieß
deutscher Essayist, Romancier, Bühnenautor und Novellist

Er war etwa neun Jahre alt, als er es zum ersten Mal bemerkte. Eigentlich hatte er in der Kaserne, in der er die ersten Lebensjahre verbrachte, keine Probleme gehabt. Im Gegenteil, es war immer eine Abwechslung, aus dem Zimmer hinauszukommen, in dem die Flüchtlingsfamilie zu viert wohnte. Er genoss es, der Enge zu entfliehen, durch den Vorhang, der den Raum in Eltern- und Kinderteil trennte, raus in den Flur mit den Gewehrständern, vorbei am Etagenbad und der Toilette ins Gelände.

Das Gelände war spannend, man konnte auf Bäume klettern, und wenn man größere Energie hatte, ging es auf Dächer von Ruinen, alten, nicht gebrauchten Flughallen, Gebäuden, von denen man die Dachpappe abbrechen konnte, um sie in die Gegend zu schleudern. Allerdings war nichts mehr als 2-3 Stockwerke hoch.

Als er sieben war, waren sie umgezogen, in eine schöne Wohnung, hoch, im dritten Stock, da hatte er gemeinsam mit seiner Schwester sogar ein eigenes Zimmer. Wilde Gelände gab es auch, aber ohne die Flughallen oder hohe Gebäude. DIe Dorfschule war getauscht gegen eine richtige Schule, für jeden Jahrgang eine Klasse.

Wie gesagt, vielleicht war er neun oder acht, und die Klasse hatte einen Ausflug vor. Das war immer eine Abwechslung, raus aus der Klasse, mal etwas anderes, Abwechslung vom Unterricht, wo die Lehrerin vorne stand und alles erklärte, er hatte das Gefühl, alles viel zu ausführlich, er langweilte sich häufig. Deswegen freute er sich als angekündigt wurde, man wolle die alte Backsteinkirche in der Innenstadt besuchen, super, mal etwas ganz anderes.

St. Petri wirkte gewaltig, der Turm war gut erhalten, auch wenn in der Stadt viel zerbombt war. Die ganze Klasse wanderte erwartungsfroh zur Kirche, rein in den Turm, ein tolles Erlebnis, ein Weitblick war angekündigt. Drinnen war es dunkel und der Blick nach oben wirkte auf die kleine Person gewaltig. Es war ein hoher Raum, ganz leer, und an den Seiten führte eine luftige Holztreppe nach oben zum Ziel des Ausflugs: der Ausblick von ganz oben.

544 Steps

Vorsichtig setzte er seinen Schritt auf die Holztreppe, sie wirkte gewaltig, führte immer außen am Turm entlang in die Höhe. Ein weiterer Schritt. Irgendwie wurden die Knie weich. Ein weiterer vorsichtiger Schritt. Leider konnte man zwischen den Stufen nach unten schauen. Das Gefühl wurde stärker, die Beine schienen zu versagen. Doch das Ziel der Ausblick lockte. Und die anderen hatten doch gar keine Probleme. Ein weiterer Schritt. Nein, es ging nicht, langsam begannen die Tränen zu fließen. Er schaffte es nicht, er weinte und sagte er kann nicht. Er war allein, der einzige, musste die anderen ziehen lassen, die das, was er ersehnt hatte, machen konnten, ohne ihn. Er fühlte sich allein, so allein.

Was für eine Blamage, man muss doch eigentlich stark sein. Es dauerte ein paar Wochen, bis er diese Schmach vergaß.

Lange waren dann keine Gelegenheiten mehr da, wo das Problem auftrat. 20 Jahre später, auf dem Eiffelturm, da hielt er sich halt zurück, ging nicht an den Rand, das konnte man aushalten, die Knie wurden nur weich als die Begleiterin ganz selbstverständlich an die Brüstung lief, er zitterte. Beim Geschäftsbesuch in Boston, mit dem Essen im 24. Stock, ja, die Fenster reichten bis zum Boden, da war er froh, dass der Tisch doch um einiges von den Fenstern Weg war.

Doch, er versuchte es immer wieder. Sogar auf das World Trade Center, als es noch stand fuhr er hinauf. Was für ein Horror, nach außen Fenster bis auf den Boden, nach innen ein „Graben“ von 50 Zentimetern. Mit zitternden Knien musste er eine Runde machen, vom Fahrstuhl nach oben zu dem nach unten, kein Geländer, zitternd, kein Blick nach links oder rechts, 3 angstvolle Minuten bis es wieder runter ging, zu Glück.

Irgendwann weiß er es und hat sich arrangiert. Trotzdem gibt es immer wieder ganz besondere Situationen. Die Küstenstraße zum Beispiel in Spanien zwischen San Sebastian und Frankreich. Er am Steuer und eigentlich liebt er ja kurvige Bergstraßen, ist ja viel interessanter als Autobahn. Aber plötzlich verschwinden die Bäume. Die Straße schraubt sich hoch und plötzlich gibt es keine Leitplanke mehr. Das Auto wird langsamer und langsamer. Er sagt, dass er glaube es gehe nicht mehr. Seine Frau wundert sich und fragt, ob was mit dem Auto sei. Nein da war nichts, es war die Höhenangst. Aber er schafft es und kommt sicher runter.

Mit Höhe hat all das nicht viel zu tun, er liebt es zu fliegen. Und er genießt es im Hubschrauber neben dem Piloten zu sitzen und durch seine Füße und den Glasboden nach unten zu schauen.

Foto: coastwalker

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6 Kommentare zu Akrophobie

  1. Clarissa sagt:

    oh, das kenn‘ ich gut. alleine beim lesen stellten sich die nackenhaare bei mir auf.
    selber fliegen ist okay aber jemanden anderes an das horn, denstick oder knüppel lassen nur sehr ungerne.

    brrr mich schüttelst bei solchen gedanken.

  2. Clarissa sagt:

    und schon hatte ich etwas vergessen.
    ist eine vollkommen irre sache in meinen augen.
    http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,472865,00.html

  3. Axel sagt:

    Ja, der Skywalk, das wäre nun absolut nichts für mich. Oder der Glasboden im CNN Tower in Toronto (http://www.cntower.ca/portal/).

    Dass sich beim Lesen die Nackenhaare aufsträuben kann ich gut verstehen, es müssen nur andere Leute an den Rand treten, da sträuben sich die Haare.

  4. Ursel sagt:

    Das zu lesen, ist schon sehr bildlich. 😉

    Bei mir verhält es sich ziemlich genau umgekehrt: Ich habe mit Höhe kein großes Problem. Allerdings in einem Hubschrauber oder einem kleinen Segelflugzeug (4sitzig mit fast Rundum-Verglasung) hab ich schon richtig Angst bekommen.

  5. manu sagt:

    Mir ging es in Wolgast auf dem Kirchturm so, ich wurde runtergetragen!
    Mir hat glaub ich beim Aufstieg die grosse Glocke Angst gemacht und oben dann das winzige Geländer.
    War mir sehr peinlich, weil ich mit einer Ferienlagergruppe unterwegs war.
    manu

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