Lübeck Blankensee

Er ist mittlerweile schon ein paar Mal vom Flughafen Lübeck-Blankensee geflogen (oder Hamburg-Lübeck, wie er von Ryanair genannt wird), auch wenn er das nicht gerne macht, denn Ryanair ist nicht unbedingt seine liebste Fluglinie. Und jedes Mal bekommt er irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, denn am Rande des Flughafens gibt es ein paar Backsteingebäude, vor kurzem renoviert, die offensichtlich als Kaserne genutzt werden. Diese Gebäude kennt er nur zu gut, denn er hat dort ein paar Jahre gewohnt. Genauer noch, die ersten bewussten Erinnerungen seines Lebens sind mit diesen Gebäuden verbunden.

Er kann sich noch gut zurück versetzen. Im Kinderbett an der Wand, der Raum vielleicht 30 qm groß, schaut er auf den Vorhang, der den Raum trennt. Auf der anderen Seite die Wand, er bohrt mit dem Finger in der Wand, holt kleine Krümel aus dem Putz, die er dann knabbert, runterschluckt. Er versucht, sich nicht zu auffällig zu bewegen, denn auf derselben Seite des Vorhangs schläft seine Schwester, zum Glück im eigenen Bett. Die Eltern weiß er auf der anderen Seite, das Elternbett, der Küchentisch, der gleichzeitig als Waschtisch dient, man zieht einfach die Schublade auf und hat zwei Emailleschüsseln im Gestell. Schüsseln, die benutzt werden um das Geschirr zu spülen, aber auch, um sich zu waschen.

Das Wasser dazu holt man auf dem Korridor, er hat ihn unendlich lang in Erinnerung, irgendwo war das Klo, auch die Waschräume. Besonders eingeprägt haben sich ihm die Gestelle, verteilt über den Flur und in die Wand eingelassen, aus Holz, wie er später lernte waren das Gewehrständer, nicht genutzt, denn in dem Haus waren Flüchtlinge untergebracht, wie seine Familie. Flüchtlinge, er verstand nicht so ganz, was das heißt, denn er war in der Stadt geboren, er kam doch nicht irgendwie aus der Fremde. Lübeck, das war die Stadt, wo er geboren war.

Er fand es immer toll, wenn er raus kam aus dem Zimmer mit dem Vorhang. Er spielte gerne in den Ruinen auf den Gelände, alte Hangargebäude, auf denen man herumturnte. Vor dem Gelände, auf der anderen Straßenseite war ein Bauernhof, mit einem Gestell, auf dem an jedem Morgen die silbernen Milchkannen bereit gestellt wurden. Er erinnert sich daran, wie er mit dem Bauernsohn gespielt hat. Damals war der kleine Bauernjunge sein Freund, schade, dass er sich nicht mehr an seinen Namen erinnert.

In einem Gebäude der Kasernenanlage war die Schule, dort erlebte er seine Einschulung und die ersten Unterrichtserlebnisse. Die Klasse bestand aus zwei Jahrgängen, seine Eltern erzählten ihm später, dass die Lehrer ihn gerne gleich in die zweite Klasse eingeschult hätten, aber die Eltern wollten das ihrem schmächtigen, von Krankheit geprägtem Sohn nicht zumuten. Das Auslassen einer Klasse kam erst später. Die Schule hat er nur ein halbes Jahr erfhren, dann zog die Familie um nach Hamburg.

Manchmal stellt er sich die jungen Rekruten vor, die jetzt seinen Raum bewohnen, junge Männer, die darauf warten, am Freitag nach Hause zu fahren, weg aus der Kaserne, hin zu Familie und Freunden. Im Nachhinein weiß er nicht mehr, ob es gut war, dort weg zu kommen und nach Hamburg umzuziehen. Es lag nicht in seiner Macht, das zu entscheiden.

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