Abgehört

Mit 20 Jahren zog er zuhause aus, um mit seiner Freundin zusammen zu ziehen. Das war damals nicht so ganz einfach, er war noch nicht volljährig (das Alter lag bei 21) und darüber hinaus gab es wenige Vermieter, die sich über die Strafandrohung für Kuppelei hinweg setzten und an unverheiratete Paare vermieteten. Er war dann richtig glücklich, als sie ein möbliertes Zimmer fanden, und dazu noch in einer der besseren Wohngegenden der Stadt, einem ruhigen Stadtteil mit vielen alten Villen. Auch der Vermieter hatte eine alte Villa, hatte dann aber für die Tochter und den Schweigersohn ein zweites, modernes Haus hingebaut. Das Grundstück lag sehr schön bis auf die Tatsache, dass 20 m hinter dem Neubau die S-Bahntrasse verlief, kurz hinter dem Bahnhof auf einem Stück, auf dem die Züge beschleunigten oder bremsten.

Der Neubau hatte im Ober- bzw. Dachgeschoß vier Zimmer, die nicht gerade günstig möbliert vermietet wurden. Unterm Dach wohnten neben ihnen ein wohl etwas verkrachter Student, ein Handelschüler, der andauernd das Gespräch auf seine sexuellen Vorlieben brachte, und eine junge Frau, von der sie nicht wussten, was sie machte, die aber gut und gerne eine Prostituierte darstellen konnte. Der ganze Stolz des Handelsschülers war sein Radio, ein Grundig-Weltempfänger. Vor dem saß er dann jeden Abend und surfte über die Ätherwellen, wie man heute sagen würde, damals allerdings war das Wort „Surfen“ noch nicht so bekannt.

Eines Abends scheuchte er alle Nachbarn auf: Hört mal, was ich für ein Programm gefunden habe!“ Nur widerwillig gingen sie mit, sie hatten eigentlich keine Lust auf wieder einen unbekannten südamerikanischen Sender. Doch was aus dem Lautsprecher drang, war anders. Eine klare Stimme, nicht verrauscht, und doch nicht in Studioqualität. „Das ist doch….“ Ja, das war unser Vermieter, der sich mit seiner Frau unterhielt. Und diesen Unterhaltungen konnte man tagelang folgen.

Nach und nach erschlossen sie dann, dass der Schwiegersohn eine Wanze installiert hatte, um den Vater seiner Frau zu belauschen. Vielleicht wollte er rechtzeitig erfahren, ob das Testament geändert wurde? Oder einen Vorteil für einen Deal bekommen? Beide Männer waren nämlich Pferdehändler. Irgendwie passt die Wanze da dann rein.

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2 Kommentare zu Abgehört

  1. j sagt:

    Hi Axel,

    grüße, vielleicht treffen wir uns mal in HH
    würde mich sehr freuen

    Grüße an Hanna,

    J

  2. Axel sagt:

    Klar doch, ruf mich einfach an, wenn du in HH bist

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