Die zwei Seiten des Berliner Hauptbahnhofs

Berlin Hauptbahnhof oben

1. Die Freundliche

Meine Montagmorgenfahrt nach Hamburg läuft immer nach dem gleichen Muster ab. Am Ostkreuz einsteigen in den 2. Wagen der S-Bahn, dann bin ich im Hauptbahnhof direkt an der Rolltreppe. Da der Bahnhof komplett rauchfrei ist, geht es Erstes raus aus dem Nordeingang zum Europaplatz, um den Nikotinpegel noch einmal aufzufüllen vor den zigarettenlosen zwei Stunden. Direkt vor der Anfahrt hat sich dort ein schmächtiger Mann aufgebaut, einen Tapetentisch vor sich, und verkauft Zeitungen. Wetterfest gekleidet mit dickem Anorak und Baseballkappe steht er da und blickt sehr fröhlich in die Welt. Wenn es sein muss, dirigiert er schon mal die Taxis oder weist Leuten, die eine Fahrgelegenheit suchen, den richtigen Weg oder hält einen Plausch mit den Leuten vom DB-Wachdienst.

Vor einigen Wochen habe ich mich dann spontan entschlossen, ein Berliner Zeitung zu kaufen für die Fahrt. 80 Cent, das Wechselgeld kommt aus einem antik wirkenden Wechselgeldbehälter vor dem Bauch, aus dem er die 20 Cent knipst, ein Behälter wie ihn früher die Straßenbahnschaffner hatten.

Irgendwann stand ich dann da, rauchte meine Zigarette und dachte, ich könne ja schon einmal mein Wechselgeld abzählen für den Kauf. Er beobachtet das mit seinem wachen Blick, greift sich die Zeitung und schießt auf mich zu mit einem breiten Lächeln, ganz unbeeinflusst von seinem schadhaften Gebiss, mit blitzenden Augen, aus denen der Stolz spricht, sich an mich und meine Gewohnheiten erinnert zu haben.

Seitdem kommt er immer gleich an, wenn ich aus der Tür trete, Zeitung in der Hand und lächelt mich an. Ich bin schon gespannt, ob er mich auch erkennt, wenn ich meine signalrote Spätwinterjacke nicht mehr an habe.

2. Die Seite des Kampfes

Heute morgen hatte ich Zeit, nach einem Termin, der schneller vorbei war als gedacht, war ich früher am Hauptbahnhof und entschloss mich, noch einmal durch das Gebäude zu bummeln. Ich finde, ja, all die Geschäfte haben wenig Zuspruch, auch die Gleise, besonders unten, sind nur wenig ausgelastet, da ist noch viel Kapazität drin. Wie die Geschäfte existieren können, bleibt mir unklar, aber ich bin ja nur an zwei Tagen in der Woche dort, vielleicht sieht es sonst dort anders aus.

Nachdem ich heute knapp 10 Euro zum Umsatz beigetragen hatte in Form eines englischen Taschenbuches, sagte ich mir, dass die Zeit noch da war für eine zweite Auffüllung des Nikotinpegels. Ich bin da komisch, wollte nicht noch einmal zum Zeitungsverkäufer hinaustreten, muss ja niemand meinen Zigarettenkonsum mitzählen können. Aber es gibt ja zwei Ausgänge, also entschloss ich mich, zum Süden hinauszutreten und den Blick auf die Waschmaschine zu genießen, in der das Merkel wahrscheinlich still vor sich hin grinst.

Kaum war ich draußen, da schienen sie los gelassen. Horden vom schwarzbemäntelten Schlipsträgern zogen ihre schwarzen Trolleys mit oben drauf abgestellten Computertaschen hinter sich her und stürmen auf den Taxistand zu. Schlange stehen ist in Deutschland keine Gewohnheit, also stürzen sich die schwarzen Massen auf die beigen Fahrzeuge. An der Spitze der Schlange steht ein Asiate, vielleicht auch Japaner und wartet geduldig. Alle anderen stürmen die Schlange, ab zum sechsten oder siebten Taxi. Die Zufuhr an Taxis ist groß, alle Fahrer konzentriert, keinen anderen zu rammen, vor an die Spitze der Schlange, zwischendurch in Lücken gedrängelt.

Der Japaner macht einen vorsichtigen Schritt auf ein Taxi zu, das an der Spitze der Schlange zu stehen kommt, er ist aber zu höflich. Eigentlich der Erste in der Schlange, drängt ihn ein Businesspaar beiseite und besteigt den Wagen.

Irgendwann sind alle Taxis weg, der Japaner steht noch da und weiß, seinen Kopf schüttelnd, nicht, was hier passiert ist.

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