Montagsreise zu den Sternen

Normalerweise ist das Weckerklingeln am Montag um 6 Uhr früh schon sehr hart für einen Morgenmuffel wie mich. Heute war es sogar noch eine Stunde früher und eigentlich kann das nicht gut gehen. Die allerletzte S-Bahn, die mich meinen ICE um 6:22 Uhr am Ostbahnhof noch erreichen ließ, habe ich allerdings noch knapp geschafft.

Die Stimmung im Zug ist der Tageszeit angemessen recht gedämpft und es legen sich auch die meisten Reisenden, bei denen sich um allein fahrende Leute handelt, die in Geschäften aller Art unterwegs sein müssen, auch recht bald auf ein Nachholschläfchen zur Ruhe, nachdem sie noch am mitgebrachten Latte Machhiato genippt haben.

Nur Unentwegte klappen ihren Laptop auf, meist um einen Film zu sehen, nur die ganz harten fangen um diese Zeit an zu arbeiten. Mein Sitznachbar fängt an, Fotos von einem recht heruntergekommenen Haus zu sortieren, der Architektur nach ein Bauernhaus mit angeschlossenem Restaurant irgendwo in Bayern. Aus dem Augenwinkel erkenne ich Risse in Wänden und Decken, vergammelte Holzbalken und Dielen, rostige Beschläge und blätternden Putz. Wo etwas neuer aussieht, deutet die Gestaltung der Wände mit großen Blumenmustern auf den Tapeten auf eine Renovierung in den 70ern hin. Das Haus ist recht groß und es gibt sehr viele Bilder, die mein Nachbar begutachtet, kopiert, umbenennt, eine Tätigkeit, die ihn die viereinhalb Stunden bis Frankfurt beschäftigt. Ich fange an, mir Gechichten auszumalen, ist er ein Künstler, der dieses Haus vielleicht erwerben möchte, weil es so einen etwas heruntergekommenen Charme hat? Oder ist er ein Gutachter, der den Wert taxieren soll? Währenddessen schnarcht die Frau gegenüber leise, aber vernehmlich in ihr vorsorglich mitgenommenes Nackenkissen.

Draußen wechselt die schwarze Nacht ganz allmählich über dunkel- und mittelgrau in den Tag, der auch nicht besser als hellgrau zu werden verspricht. Draußen beginnt das Lebenn, die Lichter gehen für ein paar Stunden aus, die Supermärkte werdebn beliefert und die Polizei hält die ersten Leute nach einer frisch aufgebauten Radarfalle an.

Die Einzelreisenden steigen nach und nach aus und werden durch etwas lautere Gruppen ersetzt, die es sich leisten können, zu zivileren Zeiten zu fahren. Irgendjemand konnte es nicht aushalten und zieht sich eine Zigarette auf dem Klo durch, man riecht es überdeutlich. Andere springen auf dem Bahnhof aus der Tür, machen zwei Züge und springen wieder rein, aus Angst zurück zu bleiben.

Die Ansagen des Schaffners kommen um so häufiger, je größer die Verspätung des Zuges wird, bis er aus lauter Verzeiflung ansagt, dass der Zug steht, weil ein Signal rot zeigt. Und jedesmal entschuldigt er sich und bedauert die entstehenden Unannehmlichkeiten.

Mit einer halben Stunde Verspätung kommt der Zug in Offenburg an, jetzt kann ich mir nach sechseinhalb Stunden auch mal eine Zigarette gönnen, jetzt ist es auch nicht mehr weit, noch eine halbe Stunde über kleine Dörfer und ich bin in Straßburg.

Die Sterne die ich meine, sind die europäischen, und gleich nach meiner Ankunft geht es zur Eröffnungssitzung der Konferenz, an der ich teilnehme, in das Europäische Parlament, ich finde Sitz 598 von 862 nummerierten Plätzen. Zur Teilnahme an der Konferenz bin ich von der Kommission verpflichtet worden, ich soll mich bei einer sogenannten Postersession morgen neben ein Plakat unseres Projektes stellen und Rede und Antwort stehen.

Ich sagte ja, so ein Tag kann nicht gut gehen, das Poster steht noch in Berlin in der Gryphiusstraße.

Plenarsaal Europäisches Parlament STraßburg

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