Über die Sozialverträglichkeit von Diäten

Vegetarische DiätKurz nach Arbeitsschluss muss ich auch mal etwas einkaufen, so gegen 18 Uhr. Vor mir an der Kasse steht eine Frau, sie ist vielleicht 30 Jahre alt, vielleicht auch ein wenig jünger. Sie trägt eine der Hornbrillen, die ich normalerweise mit Werbern, PR-Leuten, PraktikantInnen oder Internetprojektmanagern verbinde. Auf das Laufband packt sie drei Sachen: einen Joghurt, eine Kiwi und einen Apfel. Das schien mir ein diätverträgliches Abendessen zu sein.

Die Kassiererin arbeitet in ihrem normalen Rhythmus, die Schlangen bestehen so aus drei oder vier Leuten. Ich beobachte die Frau, sie träumt, scheint sich ihrer Umgebung nicht bewusst. Sie schaut irgendwie abwesend in die Gegend, während die kurze Schlange sich langsam aber stetig voran bewegt. Da sie direkt vor mir steht, komme ich nicht umhin, sie mir ein wenig anzuschauen. Mager sieht sie aus, der Gesichtsausdruck ist irgendwie merkwürdig, eine Mischung zwischen verträumt und verkniffen, etwas, was ich ganz selten sehe in meiner Umgebung.

Die Kassiererin arbeitet ruhig und bestimmt, lässt sich nicht irre machen durch die Umgebung. Sie nennt einen Preis von unter 2 € für Apfel, Kiwi und Joghurt. Die junge Frau schreckt hoch, scheint überrascht, dass sie bezahlen soll. Umständlich kramt sie in ihrer großen Handtasche und findet in ihren Tiefen schließlich ihr Portemonnaie, zählt umständlich den Kaufpreis passend ab.

Während sie wie in Zeitlupe die Geldbörse in den Tiefen ihres Beutels versenkt, setzt die Kassiererin ihre Arbeit fort und schiebt meine Waren in die „Aufnahmezone“, in der noch Apfel, Kiwi, Joghurt auf das Einsammeln warten. Natürlich will ich nicht, dass meine Sachen sich nicht mit ihren vermischen und lange über meinen Einkaufswagen, um meine Beute einzusammeln. Plötzlich schrecke ich hoch, die Frau schreit los: „Nun lassen Sie mich doch erst einmal einpacken!“ Verblüfft stoppe ich meinen Einpackvorgang und schaue hoch. Giftig durchbohrt sie mich mit ihren Blicken, greift die verbleibende Kiwi und stapft ohne einen weiteren Blick davon.

Ich fühle mich bestätigt: Frauen, die keine Diät machen, sind doch erheblich angenehmer.

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Ein Kommentar zu Über die Sozialverträglichkeit von Diäten

  1. Ursel sagt:

    Der Fluch des limitierten Essens

    Habt Ihr schon einmal Diät gehalten? Es ist eine Erfahrung, die viele schon einmal gemacht haben, und aus der manche niemals rauskommen. Wenn das wenige, das man sich gönnt, zum Schatz wird. Zum Wertvollen, das man verteidigen muss. Wenn sich die Bedeutungen verschieben, so sehr, dass es krank ist. Alles, was Du an dieser Frau beschreibst, Axel, deutet darauf hin, dass für sie sich der Wert von Nahrung verschoben hat.

    Ich wünsche ihr, dass sie wieder in ein natürliches Gleichgewicht findet. Andere Dinge/Freuden findet. Das strenge Zwangskorsett in ihrem Kopf loswerden kann, so dass auch ihr Körper wieder frei wird.

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