Auswahlseminar

Eigentlich hatte ich mit der Studienstiftung lange nichts am Hut, erst in letzter Zeit nähere ich mich ihr langsam wieder an. Ein Grund ist der, dass ich mich im Sinne der Stiftung lange Zeit als Misserfolg gesehen habe, denn das Ziel während meiner Förderzeit war es ausdrücklich, die zukünftige Wissenschaftselite heranzuziehen, sprich, Professoren zu produzieren. Das hat sich in der Stiftung mittlerweile geändert und ich sehe mich und meine Person viel gelassener, das hat sicher auch einen Großteil mit meiner persönlichen Situation und dem schönen Verhältnis zu Hanna zu tun.

Letztes Jahr hatte ich aus Anlass meiner Einladung zur Eröffnung des Studienkollegs zu Berlin angeboten, einen Vortrag zu halten zu europäischen Förderprogrammen. Das Angebot wurde nicht angenommen, aber offensichtlich hatte ich mich damit als potenzieller freiwilliger Helfer geoutet.

Prompt kam nach ein paar Wochen eine Anfrage, ob ich nicht an einem Auswahlseminar teilnehmen wolle. Beigefügt war eine Liste von Orten und Terminen und ich entschied mich nach kurzer Überlegung, meine Teilnahme zuzusagen, an erster Stelle für ein Auswahlseminar in Berlin.

Prompt folgte die Zusage für Berlin und eine Woche vor dem Auswahlseminar erhielt ich einen dicken Umschlag mit Anleitungen und den Unterlagen zu 10 Studenten: Fragebogen, Lebenslauf, Zeugnisse, Gutachten seitens der Universität. Diese Auswahl bezog sich auf Studenten nach dem Vordiplom, die Studienstiftung führt auch eine Auswahl unter Abiturienten durch.

Und so stand ich dann am letzten Samstag, kurz vor 11 Uhr und überpünktlich wie meistens, im Hotel Morgenland in Berlin-Lichterfelde (übrigens dem Hauptsitz einer Organsiation namens Morgenländische Frauenmission). Nach und nach trafen die anderen Gutachter und die zu prüfenden Studenten ein und die Einweisung der Auswahlausschußmitglieder konnte beginnen.

Für die Studenten bedeutet das Verfahren, dass sie mit einem fachnahen und einem fachfernen Gutachter Gespräche von 35-40 Minuten führen und dann in einer Gruppe von 5 Studenten vor einem beobachtenden dritten Gutachter einen Vortrag von 10 Minuten halten mit anschließender 20 minütiger Diskussion, also insgesamt 5 Sitzungen zu durchlaufen haben.

Für mich bedeutete das Arbeit von 11-20:30 am Samstag und von 8:30 bis kurz nach 16 Uhr am Sonntag, 10 9 Einzelgespräche und 5 4 Gruppendiskussion, da 2 Teilnehmer nicht erschienen waren. Es ist schon sehr interessant, mit den jungen Leuten zu diskutieren, wobei die Gespräche von sehr zäh bis extrem kurzweilig alle Abstufungen durchliefen. Alle Kandidaten hatten ihr Vordiplom, je nach Fach, mit einer Note von Eins bis Zwei gemacht und waren von den Prüfungsämtern ihrer Universitäten benannt worden.

Am Nachmittag des zweiten Tages fand dann die Sitzung des Auswahlausschusses statt, wobei jeder Gutachter 0 bis 10 Punkte vergeben konnte, 8 und mehr Punkte gelten als positives Votum. Die Studenten benötigen mindestens 2 positive Voten und mindestens 21 Punkte. Entgegen meiner Erwartung drehte sich der größte Teil der Diskussion darum, ob man nicht den einen oder anderen, der das Kriterium verpasst hatte, nicht doch hochwerten könne.

Am Ende war gut ein Drittel der Kandidaten aufgenommen und können Ende dieser Woche mit einem dicken weißen Umschlag rechnen. Für mich eine anstrengende, aber auch irgendwo befriedigende und spannende Erfahrung, die ich, wenn gewünscht, durchaus wieder durchlaufen würde.

Ach ja, ein Bericht aus der Sicht eines Kandidaten befindet sich auf Spiegel Online. Nach diesem Bericht bin ich wahrscheinlich ein alternder, vor sich hin brummelnder Mathematiker.

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2 Kommentare zu Auswahlseminar

  1. Ursel sagt:

    Sphinxartiger Gesichtsausdruck? 😀
    Schön beschrieben. Wie ist das denn mit der Authentizität in solchen Diskussionen? Gewünscht oder nicht?

  2. Axel sagt:

    Authentizität ist wichtig, gestanzte Beiträge von denen die Kandidaten meinen, man wolle sie hören, kommen nicht gut an.

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