Denkpause

Ersatzzug

Ruhig sitzen oder stehen die Leute im überfüllten Zug am Montag Morgen. Die Stimmung ist gedämpft, jeder scheint seinen Gedanken nachzuhängen. Die übliche Arbeitsatmosphäre fehlt, es ist ein alter Interregio, der den ICE mit den zu überprüfenden Achsen ersetzt, da gibt es keine Steckdosen, nur wenig Tische und auch die Telefone finden nur schwer ein Netz. Die Laptops liegen in ihren Taschen auf den Gepäckablagen, nur vereinzelt lesen die Leute, die meisten geben sich diesem angenehmen Dämmern hin, bei dem man langsam wegsinkt, in den Schlaf gesungen von dem gleichmäßigen Rattern der Räder. Nur manchmal schreckt hier und da ein Kopf hoch, der Schlaf gestört durch das eigene beginnende Schnarchen.

Was geht den Leuten durch die Köpfe in dieser vielleicht auch unfreiwilligen Denkpause? Haben sie sich am Wochenende verliebt und Träumen von einer gemeinsamen Zukunft? Sind sie am Wochenende vor sich selbst in die Sucht geflüchtet, den Alkohol, die Drogen, den Sex? Waren sie müde, verzweifelt, ehrlich mit sich selbst, mit anderen oder haben sie sich in der Täuschung ihrer selbst oder die anderer verfangen? Die Gesichter geben es nicht preis, es ist nicht üblich, in der Öffentlichkeit als heulendes Elend, als kichernde oder laut lachende Einzelperson zu sitzen.

In dieser Gesellschaft versteckt man sich, man versucht, die Gewalt zu verstecken, der man ausgesetzt ist oder die man ausübt, auch all die Kränkungen, Freuden, Spiele. Die Fassade muss aufrecht erhalten werden, und wie es da drinnen aussieht, geht niemanden etwas an. Die Leute sollen nur Gutes von einem denken, da verbiegt man sich dann durchaus einmal, und wenn man sich angegriffen fühlt, wenn man glaubt, die Leute seien schlecht zu einem, dann reagiert man trotzig, verletzt, eitel.

Es gibt die Geschichte von dem Ehepaar, bei dem sie jahrelang die Oberseite des Brötchens gegessen hat und er die Unterseite, bis sie irgendwann einmal fest stellten, das jeder die andere Seite des Brötchens lieber gehabt hätte. Meist wird die Geschichte als Beispiel dafür erzählt, wie sie sich durch ihren liebevollen Umgang miteinander, durch das dem Anderen das Beste wollende jahrelang an eben diesem Besten vorbei gelebt haben. Man kann auch sagen, dadurch, dass sie nicht klar und ehrlich miteinander umgegangen sind, haben sie sich viele Freuden genommen.

Kinder können das, spontan lachen, sich freuen, sagen, wenn sie etwas mögen. Leider bewahren sich die wenigsten Erwachsenen dieses kindliche Gemüt. Statt dessen werden sie kindisch, stampfen mit dem Fuß auf, schreien, wenn sie nicht das bekommen, was sie wollen, werden zu den Trotzköpfen, die in Kindern manchmal wirklich nerven können.

Vielleicht hat der eine oder der andere darüber nachgedacht im Zug, vielleicht hat der eine oder andere einen Weg begonnen, der ihn aus den eigenen Zwängen herausführen kann. Dann hätte die Ruhestunde im Zug viel vollbracht.

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Ein Kommentar zu Denkpause

  1. mariechen sagt:

    Ein spiegel meiner selbst, nur kann ich es wieder, allein lachen, weinen, albern sein und das auch im überfüllten Interregio.
    Danke Axel

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