Zeitreise

Seit ein paar Monaten nutze ich die Zeit hier in Hamburg, um am Dienstag einen Kurs zum Auffrischen und Verfestigen meiner Französischkenntnisse zu machen. Zustande gekommen ist das auf Bitten oder Empfehlung einer Kollegin, also war für mich die Auswahl des Ortes vollkommen zufällig. Der Kurs findet in Hamburg St. Georg statt, in einem Verein, dem Kulturladen.

Der Besuch dort hat mich an eine Zeit erinnert, während derer ich häufig in solchen Institutionen unterwegs war, das ging von Ende der Siebziger für etwa 10 Jahre. Ich kümmerte mich in Hamburg um die Belange von Migranten, in enger Anlehnung an eine große Partei. Ich setzte mich damals ein für eine Begegnungsstätte zwischen Ausländern und Deutschen, der Blick war gefallen darauf, diesen Verein in einem alten, jetzt ungenutzten Krankenhausgebäude zu etablieren.

Das passierte damals viel, Vereine mit bestimmten Zwecken wie Förderung der Integration von Ausländern, Geschichtswerkstätten, Kulturvereine und andere kämpften mit- und gegeneinander um knappe Mittel aus der Kommunalpolitik, um Gebäude, die ungenutzt waren, Fabriken, Werkstätten, Läden oder öffentliche Gebäude. Viele der Initiativen waren einander spinne feind, sie kämpften um die gleichen Töpfe und Gebäude, jedenfalls nach außen hin, häufig standen dahinter Personen, denen es um nichts anderes als um einen Job für sich selbst ging. Wenn man hinein ging in diese Initiativen wirkte vieles improvisiert, Möbel vom Sperrmüll, ein kleines Café oder sogar ein Restaurant war ein Muss.

Als ich dann 20 Jahre später in den Kulturladen kam, um Französisch zu lernen, kam mir vieles bekannt vor. St. Georg ist eine sozial nicht unproblematische Ecke, nahe am Hauptbahnhof in Hamburg, nahe am Drogen- und Bahnhofsstrich. Die Bebauung ist dominiert von Bürobauten, teilweise als Hochhäuser, die in Hamburg nur hier und ein paar Kilometer weiter zu finden sind. Der Kulturladen ist in einer kleinen Nachkriegssiedlung gelegen, ein paar dreistöckige Häuser gebaut aus roten Ziegeln, schnell hochgezogen Ende der 50er oder Anfang der 60er zur Behebung der Wohnungsnot, die Häuser wirken ein wenig verloren zwischen all den Bürobauten.

Natürlich hatte man damals für den Wohnblock einen Laden konzipiert, der dann irgendwann nicht mehr gebraucht wurde für die Versorgung der Bevölkerung. Dieser Laden beherbergt nun nach billiger Renovierung den Kulturladen. Das Ladengeschäft beherbergt ein Café, möbliert mit Sperrmüll, die Hinterräume und wohl auch das, was die ehemalige Ladenwohnung war, bietet Platz für Büros und Kursräume.

Das Café wird bewirtschaftet von Südamerikanern, Afrikaner habe ich auch schon gesehen, zu essen gibt es Enchilladas und Tortillas. Die Frauen, die man hier sieht sind typisch für solche Vereine, intellektuell, um die 40, fasziniert von der Maskulinität der Ausländer in diesem Verein. Die deutschen Männer sind eher schmächtig, man sieht ihnen ihre Probleme an und auch ihre Hoffnung, vielleicht mit einer der intellektuellen, aber auch sozial angehauchten Frauen anbandeln zu können.

Interessant wird es an Tagen, an denen ein Tangoabend statt findet. Die Tische werden an den Rand geräumt um Platz zu schaffen für die Tanzfläche, bunte Lichterschlangen werden ausgelegt. Es bilden sich ungleiche Paare, über 70jährige Südamerikaner mit zweifarbigen Tangoschuhen tanzen mit 20jährigen in kurzem angeschlitzten Rock, intellektuelle Mitvierziger Frauen mit offensichtlich ihren Töchtern.

Es ist als ob die Zeit stehen geblieben ist gegenüber der Zeit vor 25 Jahren. Nur beim zweiten Blick fallen die Kleinigkeiten auf, mitten im Café steht jetzt ein Computer mit Internetzugang, 10 Minuten frei, danach 50 Cent pro halbe Stunde. Es ist davon auszugehen, dass für die Filmabende mittlerweile DVD-Player und Beamer benutzt werden statt klassischem Filmprojektor.

Und wahrscheinlich haben viele der Leute hinten im Büro, vieeleicht auch die in der Küche oder hinter dem Tresen nichts anderes als einen ordinären ein-Euro-Job.

Kulturladen St. Georg
Alexanderstr. 16

20099 Hamburg

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