Middlesex

Vor ein paar Jahren habe ich mit großer Faszination den Roman Middlesex von Jeffrey Eugenides verschlungen, der sicher mit Recht den amerikanischen Pulitzerpreis gewonnen hatte. Es ist ein sehr amerikanischer Roman über die Integration in eine multikulturelle Gesellschaft und auch über das Recht auf individuelle Freiheit. Das Buch hat seine klischeehaften Passagen, wenn die Verfolgung der Griechen in der Türkei geschildert wird oder auch in gewissen Teilen der Beschreibung der amerikanischen Gesellschaft.

Was mich hier allerdings interessiert ist eigentlich ein Nebenaspekt des Romans, der allerdings für den Titel verantwortlich ist. Die Hauptperson ist Calliope, ein (pseudo-)Hermaphrodit, also ein Zwitter, wie man normalerweise sagt. Calliope wird als Frau angenommen, obwohl auch männliche Zeichen vorhanden waren. Als sie im Alter von 13 oder 14 Jahren operativ endgültig zur Frau gemacht werden sollte, bekommt sie ein Gespräch mit, in dem zu Verstehen gegeben wird, dass ihre Gene eigentlich männlich seien. Sie flieht daraufhin vor der Operation, nennt sich fortan Cal und lebt als Mann.

Und dann wurde ich Anfang Februar wieder an das Buch erinnert. Denn da wurde Mariechen in unser Leben geschleudert. Ich hatte mich damals schon gewundert, denn die Situation war ganz ungewöhnlich: Freunde von uns wollten Hanna an einem Dienstag mit Marie bekannt machen, ein Tag an dem ich nicht in Berlin war, was sicher auch bekannt war. Hanna hatte also ein Essen vorbereitet für vier und das Freundespaar tauchte auf mit Marie. Was der Grund für diese Zusammenführung war, das ist mir immer noch ein Rätsel, denn so eine gezielte Einführung war vorher noch nie angesagt. Aber wenn man ein wenig über Marie erfährt, ist es durchaus denkbar, dass es darum ging, unser manchmal kleinbürgerliches Glück ein wenig aufzubrechen, vielleicht ging es auch darum, zwei extrovertierte Frauen, zwei Diven, aufeinander los zu lassen und zu sehen, was passiert.

Es passierte das Gegenteil, Hanna fand viele Gemeinsamkeiten, alte SPD-Sozialisation und ähnliches. DIe beiden, die aufeinander vielleicht losgelassen werden sollten, haben sich plötzlich verbündet. Und da Marie dann zu viel getrunken hatte, bot ihr Hanna unser Gästezimmer an und da blieb sie dann, da plötzlich ihre Liebe zu einer unserer Freunde nicht mehr angesagt war. Das führte dann dazu, das auch ich Marie kennen und schätzen lernte, denn das Gästezimmer wurde dann offensichtlich etwas länger gebraucht.

Was hat das denn nun mit Middlesex zu tun?

Mariechen ist, wie ich es sagen würde, ein echter Hermaphrodit, dazu später. Nach ihrer Geburt hat man festgestellt, dass sie Merkmale beider Geschlechter hatte und man hatte entschlossen, ihren weiblichen Teil operativ zuzunähen. Sie wuchs also auf als Rudi und Rudi tat offensichtlich alles dafür, sein Geschlecht zu rechtfertigen. Rudi wurde Macho, machte Karriere, stürzte sich in den Fußball, wurde Schiedsrichter auf höherem Niveau. Rudi heiratete, zeugte eine Tochter, die Ehe scheiterte. Es gibt Fotos von Rudi mit Vollbart, männlich wie ein Mann männlich sein kann.

Und irgendwann entschied Rudi, dass es so nicht weiter gehe und dass sein weibliches Element eigentlich vorherrscht. Und so ließ sich Rudi im Alter von 50 Jahren in Potsdam zur Frau operieren, unter Transidenten (die gemeinhin als Transsexuelle bezeichnet werde) eine MZF, Mann-zu-Frau Operation. Und Marie lebte ihr Frausein aus, sexuell, mental. Wir haben viel davon erlebt, Marie nennt sich „großkotzig, zickig und einfach nur anders“. Wir haben erfahren, dass sie egoistisch, selbstorientiert, boshaft, andere unbewusst ignorierend, einfach pubertierend, wie sie es selbst ausdrückte.

Und Marie vertraute uns an, dass man festgestellt hatte, dass sie eine funktionierende Gebärmutter hat und das sie sich überlegte, da einen Zugang legen zu lassen, denn selbst mit über 50 Jahren war das nach den Hormongaben plötzlich der Uterus eines Teenagers.

Na gut, Mariechen hatte gelogen, der Zugang war längst gelegt. Und jetzt ist sie schwanger mit Klärchen, ihr Diminuitiv für das zukünftige Kind. Das macht sie einzigartig, denn wie viele schwangere Frauen gibt es, die auch ein Kind als Mann gezeugt haben?

Ich jedenfalls wünsche ihr alles Gute für die Schwangerschaft, dass sie die Zeit genießt und alles gut geht. Auch wenn das hohe Gefühl einer natürlichen Geburt nicht möglich ist, ein Kaiserschnitt wir ein Muss sein.

Ich empfehle jedenfalls, die Geschichte von Marie weiter zu verfolgen, das kann man auf dem von mir für sie eingerichteten Blog: Mariechen

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Ein Kommentar zu Middlesex

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