Ein Landei in der Großstadt

Viele würden sie auf ihre eigene Art für attraktiv halten. Sie ist um die dreißig, blond, schlank, sehr sorgfältig gekleidet. Und sie sorgt sich um ihre Bildung, denn sonst würde sie nicht am Französischkurs für Fortgeschrittene teilnehmen.

Die Zweifel beginnen, wenn sie den Mund aufmacht. Der breite norddeutsche Akzent, den sie in ihren deutschen Sätzen an den Tag legt, lässt sich auch in den Französischversuchen nicht so ganz verleugnen. Dann schaut man ein zweites Mal hin, plötzlich wirkt die abgestimmte Kleidung ein wenig zu angestrengt sportlich, in der Farbe zu perfekt, ausgesucht von einem Typberater, man weiß nicht wirklich was fehlt. Und plötzlich weiß man es, es fehlt die persönliche Note, sie ist gekleidet wie aus einem Versandhauskatalog.

In einem Sprachkurs, in dem das Sprechen anhand von persönlichen Erlebnissen geübt wird, da lernt man eine ganze Menge von persönlichen Details der Teilnehmer kennen. Sie stammt aus einem Vorort der Großstadt, dessen Einwohner bei der Ansicht des Autokennzeichens als „wilde Landwirte“ verunglimpft werden, sie arbeitet als Sachbearbeiterin in einem traditionellen Betrieb wie es viele gibt in dieser Großstadt. Sie hat als einzige ein Wörterbuch dabei im Kurs, alle anderen verlassen sich darauf, die muttersprachliche Kursleiterin zu fragen, wenn es nötig sein sollte.

Mit aller Macht versucht sie, sich bürgerlich zu geben. Neben dem Französischkurs am Dienstag ist am Montag Englisch angesagt, und wenn das Wochenende nicht bei einem Salsakurs verbracht wird, dann ist Golfspielen angesagt. Ihre Mutter hat ihr ein iPhone geschenkt und sie schien ganz unglücklich darüber, dass die Chatnachrichten von ihrer Mutter nach einem Netzausfall von T-Mobile plötzlich einfach verschwunden waren.

Ich fange an, mir ihren Hintergrund vorzustellen. Ihre Mutter lebt noch in der Kleinstadt, sie ist vielleicht die Besitzerin eines gut gehenden örtlichen Sonnenstudios. Dort verkehren die Ärzte-, Apotheker- und Handwerkerfrauen der Kleinstadt, um die angesagte Bräune zu erwerben, sie ist auf „Du“ mit den Kundinnen, aber sie spürt auch, dass sie nicht zu diesen Kreisen gehört. Sie versucht alles, tritt dem Golfclub bei und spielt, sie versucht mitzuhalten bei persönlichen Gadgets, die gerade angesagt sind wie dem iPhone. Aber letztlich weiß sie, dass sie nie dazugehören wird.

Aber wenn nicht sie, dann sollte es ihre Tochter schaffen. Sie schafft es für einen Außenstehenden ein wenig überraschend, ihre Tochter durch das Abitur zu bringen. Sie steht in engem Kontakt mit der Tochter und ermutigt alle Anstrengungen, sich bürgerliche Kenntnisse anzueignen, vielleicht schafft sie es ja wenig durch Heirat, zur lokalen Gesellschaft zu gehören.

Ich kann nicht umhin zu glauben, dass beide mit diesen Ansprüchen scheitern werden.

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