Zurück aus der Klausur

Future starts now

Endlich wieder zurück, nachdem ich eine Woche lang richtig in Klausur war, praktisch immer ohne Mobiltelefon und ohne Internet.

Wenn Projektanträge bei der europäischen Kommission eingereicht werden, müssen diese meist zu einem bestimmten Termin abgegeben werden. Drei bis vier Wochen später werden diese dann von unabhängigen Gutachtern bewertet. Zunächst füllt jeder der Gutachter einen individuellen Bewertungsbogen aus, dazu hat er pro Antrag etw 2-3 Stunden Zeit. Um eine Größenordnung zu nennen: ein durchschnittlicher Antrag hat etwa 75-100 Seiten, es können aber auch schon einmal 150 Seiten werden.

Nach der individuellen Bewertung wird ein so genanntes Consensusmeeting angesetzt. Jeder Antrag wird von mindestens 3 Gutachtern gelesen, die müssen sich dann in diesem Meeting auf eine gemeinsame Bewertung einigen, moderiert von der EU. Ganz zum Schluss wiederum kommen alle Gutachter eines Themas zusammen, einigen sich auf eine Bewertung der Anträge, die die Mindestpunktzahl erreicht haben und stellen eine Rangliste zusammen. Die Anträge werden dann von Platz 1 abwärts gefördert, bis die Liste leer oder das Geld alle ist, meistens tritt der Geldmangel zuerst ein.

In dieser Woche hatte ich Gelegenheit, einer dieser Gutachter zu sein. Für dieses Verfahren mietet die Kommission in Brüssel leer stehenden Büroraum an, stellt Tische, Stühle und für alle Beteiligten jeweils einen Computer rein und lädt die Gutachter in dieses Büro auf Zeit ein. Während der Begutachtung besteht absolutes Handy- und Notebookverbot, früher wurden die Handys sogar eingesammelt. Am liebsten würde die Kommission die Gutachter wahrscheinlich auch im Gebäude einquartieren, um auch abends und nachts ein das Verbot durchsetzen zu können. Nun ja, manchmal unterstützt auch die örtliche Preisgestaltung solche Netzverbote, denn ich hatte keine Lust für 10 Euro die Stunde im Hotel zu surfen.

Interessant ist die Tätigkeit als Gutachter allemal, weil man so mitbekommt , was in Forschung und Anwendung so los ist und aktuell diskutiert wird. Ich hatte Projekte zu begutachten, die zeigen sollen, wie moderne Informations- und Kommunikationstechnologien alten Mitbürgern ein unabhängiges Leben in eigener Umgebung ermöglichen und dabei Pflege- und Gesundheitsdienste sowie Angehörige koordiniert werden. Da ergibt sich dann häufig fast ein Orwellsches Szenario, die alten Leute werden mit Sensoren bestückt, die nicht nur permanent EKG nehmen, Atem und Puls messen, sondern auch feststellen, ob der Patient gefallen ist. Den Alten wir ein Handy in die Hand gedrückt oder umgeschnallt, das nicht nur als Notfalltelefon dient, sondern mit Hilfe von GPS anzeigt, wo sich sein Träger genau befindet. Der Sozialdienst kann ohne Besuch nicht nur feststellen, ob die Heizung aufgedreht oder Kühlschrank offen gelassen wurde, sondern auch, ob genug getrunken und gegessen wurde. Und damit der alte Mensch denkt, das sei besonders toll, darf er mit der installierten Apparatur sogar Videotelefonate mit der Familie führen.

Das ist natürlich eine viel zu negative Sicht, die Techniken helfen nur dabei, mit begrenzten Mitteln eine optimale Betreuung zu gewährleisten. Und Hanna wäre sicher glücklich gewesen, hätte sie von Friedrichshain aus die Körpertemperatur ihrer Mutter hätte prüfen können oder gesehen hätte, auf welche Temperatur die Heizung eingestellt ist.

Zumindest waren die Wege kurz in Brüssel, das Gebäude mit der grünen Kuppel war mein Hotel in Brüssel, aufgenommen vom Gutachtergebäude.

Hotel Le Dome

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