M. und C. aus Marzahn

Im Klinikum am Friedrichshain wurde ich nach der Intensivstation auf die Klinik für Innere Medizin – Angiologie, Hämostaseologie und Pneumologie verlegt, also die für Gefäß- und Lungenkrankheiten. Dort gibt es, so wie ich gesehen habe, praktisch nur Zweibettzimmer. Gerade bei den Venen- und Arterienkrankheiten gehört es zur Natur der Sache, dass diese mit zunehmendem Alter immer mehr Probleme machen, so dass das Durchschnittsalter sehr hoch ist, es waren durchaus Patienten da, die an Altersdemenz und Wahnvorstellungen litten. Mit meinen fast 60 Jahren gehörte ich dann zu den jüngeren Patienten und da sie mich nicht mit einem phantasierenden Greis zusammenlegen wollten, fand ich mich auf einem Zimmer mit M. aus Marzahn.

M. war 26 Jahre alt und lag wegen einer Thrombose auf der Station. Er war eher klein und stämmig, es war zu sehen, dass er einmal sehr muskulös war, es war aber auch offensichtlich, dass sich die Muskeln mehr und mehr in Fettgewebe verwandelten. Er hatte sehr kurz geschnittene Haare und war an den Seiten und hinten sehr hoch ausrasiert.

Am ersten Tag erzählte mir die für das Zimmer zuständige Schwester, dass M. zwar an dem Tag ankommen sollte und auch da war, aber dann bis 22 Uhr Ausgang bekommen hatte, um die Betreuung seines Hundes zu organisieren. Sie äußerte auch Zweifel, ob er überhaupt käme aber kurz vor 22 Uhr tauchte er dann doch auf.

Irgendwie hatte M. einen Narren an mir gefressen und gab mir Einblicke in sein Privatleben. So erfuhr ich, dass er von Hartz IV lebt, zu Hause aber zwei Flachbildfernseher mit einem Meter oder mehr Diagonale, ein Wasserbett in Übergröße, für das er eine Spezialgenehmigung des Vermieters und ein statisches Gutachten benötigte, und einen tiefer gelegten BMW, in den er nach eigener Aussage bald 60.000€ gesteckt hatte.

M. hatte, wie aus den Gesprächen mit den Ärzten und Nebenbemerkungen der Schwestern hervor ging, ein ernstes Alkoholproblem. Nach eigener Aussage trank er während der Woche nichts, brachte es am Wochenende dafür aber auf 6-7 Whisky. Nein, nicht Gläser, 6-7 Flaschen Whisky, eine Menge, die mich gleich wieder auf die Intensivstation brächte, wenn ich nicht vorher an Alkoholvergiftung stürbe.

Schon am zweiten Tag krümmte er sich vor Schmerzen und musste sich erbrechen, nachts natürlich, und kam erst zur Ruhe, nachdem er eine Infusion mit einem stärkeren Schmerzmittel vom Nachtdienst bekommen hatte. Knapp zwei Tage ging das wieder los, und ich hatte das Gefühl, dass die Tagesbesatzung in nicht so richtig ernst nahm, denn als er nach eben der Infusion fragte, brachten sie ihm eine, auf der aber ganz klar und deutlich NaCl stand, das also eine einfache Kochsalzlösung war. Half natürlich nichts, so dass sie irgendwann doch mit einem Mittel aus dem Giftschrank ankamen. Später stellte sich heraus, dass er an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse litt, eine Krankheit, die vornehmlich Alkoholiker bekommen.l

Ihm gefiel dann natürlich die Diät nicht, auf die er gesetzt war, er sah nicht ein, warum er im Krankenhaus war, und eines Tages war er dann auch stundenlang weg, bis er dann gegen Mitternacht wieder auftauchte. Auf Befragen gab er dann zu, dass er zu Hause gewesen war und eigentlich nicht wiederkommen wollte, dass ihn aber seine Freundin C. überredet hatte.l

C. war in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von M., eine einfache, aber sehr patente Frau, die sogar zwei Jobs nachging, einmal in der Essensversorgung eines Krankenhauses und vorher morgens beim Zeitungsaustragen. Sie füllte für ihn die Fragebögen des Krankenhauses aus, auch für die Untersuchungen, sie hielt ihn dazu an, den Anweisungen der Ärzte Folge zu leisten. Er versprach ihr dann auch hoch und heilig, für mindestens eineinhalb Jahre keinen Alkohol mehr anzurühren. Trotzdem plante er für seinen Geburtstag, der drei Tage vor dem angekündigten Entlassungstermin lag, nach Hause zu fahren und ordentlich zu feiern.

Wie das ausging, kann ich nicht sagen, denn am Tage vor seinem Geburtstag wurde ich (glücklicherweise) nach Hause entlassen.

Und wer jetzt meint, dass seine Vorurteile über Hartz IV-Ossis aus Marzahn mal wieder bestätigt wurden, dem sei gesagt, dass M. aus der Gegend um Kassel nach Marzahn gekommen war und C. aus dem tiefsten Bayern. Und Fernseher, Wasserbett und BMW-Tuning hatte sich M. geleistet, als er noch in Lohn und Brot stand, bis sich bei einem Arbeitsunfall Metallsplitter in sein Auge bohrten und er arbeitsunfähig wurde.

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