Viktorianischer Blogger

Samuel Butler

Als ich ins Krankenhaus kam, hatte ich nur das dabei, was ich auf dem Leib hatte und das war nun wahrlich wenig: eine Unterhose und ein T-Shirt. Für die Intensivstation brauchte ich noch nicht einmal das, da bekam ich ein Flügelhemdchen verpasst (ein vergrößertes Lätzchen, was Rücken und Hintern noch frei lässt).

Nach der Verlegung auf die normale Station wurden doch einige andere Sachen wichtig. Besonders Lesestoff war gefragt, denn das Buch, das Hanna mir auch im Koma vorgelesen hatte, war schnell durchgelesen. Und so bat ich Hanna, mir „Lempričres Notebook“ mitzubringen. Am nächsten Tag kam sie an und brachte mir sicherheitshalber zwei Bücher mit: „Lempričres Dictionary“ und die „Notebooks“ von Samuel Butler.

„Lempričres Dictionary“ wollte ich eigentlich haben, eine wunderbare Geschichte. Der Erstlingsroman von Lawrence Norfolk erzählt auf der einen Seite die Geschichte der Erstellung des 1788 erschienen Classical Dictionary durch John Lempričre, vermischt dies aber mit der Entstehung der Ostindien Handelsgesellschaft, dem Massaker an den französischen Hugenotten in La Rochelle und der griechischen Mythologie. Ich hatte es schon gelesen und wollte es noch einmal lesen, da man beim ersten Mal nicht alles so richtig erfassen kann, so reich ist das Buch.

Durch mein mangelhaftes Erinnerungsvermögen, was den Titel angeht, machte ich dann die Entdeckung der Notebooks von Samuel Butler, ein Buch, das mir Derek einmal geschenkt hatte, dass ich aber noch nie in die Hand genommen hatte. Samuel Butler war ein exzentrischer Engländer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Sohn eines Pfarrers, der als junger Mann nach einem Streit mit seinem Vater nach Neuseeland auswanderte und dort Schafszüchter wurde (Einschub: Dieser Lebenslauf hätte wahrscheinlich auch anderen Pfarrerssöhnen gut getan).

Als Schafszüchter einigermaßen erfolgreich, verkaufte er die Farm nach ein paar Jahren und kehrte zurück nach London, wo er sich bis zum Lebensende niederließ und als Schriftsteller, Komponist, Philologe, Maler und Gelehrter tätig war.

Samuel Butler hatte die Angewohnheit, das was ihm in den Kopf kam und bemerkenswert schien, aufzuschreiben („auf Predigtpapier“). Das konnte alles sein, Reiseeindrücke, Gedanken über Musik, Evolutionstheorie oder Religion , Beobachtungen von Leuten usw., also ein Gemisch, das man heutzutage auch in vielen Blogs finden kann. Übrigens wusste Butler auch schon etwas von Datensicherung: er kopierte jede Anmerkung und trug die Kopie mit sich herum, falls das Original im Haus zum Beispiel durch Feuer zerstört werden sollte.

Zu seinen Lebzeiten hat er diese Aufzeichnungen nie veröffentlicht. Nach seinem Tod im Jahr 1902 hat ein Freund das Material sortiert und dann 1911 veröffentlicht, wo das Buch sehr großen Erfolg hatte.

Auch wenn vieles heutzutage nicht mehr so richtig verständlich ist, wie Anspielungen auf weniger bekannte Zeitgenossen, sind die Notizen auch heutzutage noch gut zu lesen und ich ertappte mich mehrfach dabei, wie ich laut loslachen musste.

Bild: Selbstporträt, Samuel Butler
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Samuel Butler, Notebooks
Auszug auf Deutsch:
Wollschwein und Tafelsilber. Notizen eines viktorianischen Querdenkers von Samuel Butler

Lawrence Norfolk
:
Lempričres Dictionary, Englisch
Lempričres Wörterbuch, Deutsch

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