Abwärts

Bäderhaus Bad KreuznachE. hatte alle Voraussetzungen für ein sorgenfreies Leben. Ihr Großvater mütterlicherseits war einer der maßgebenden Architekten für das Kurviertel ihrer kleinen Geburtsstadt, sie wurde in eine große Villa in diesem Viertel hineingeboren. Allerdings war ihr Vater ein Flüchtling aus dem Osten, ihre Mutter hatte also nicht ganz standesgemäß geheiratet. Aber sie liebte ihren Vater, der in der Stadtbücherei einen Job hatte, er war intellektuell und sie strengte sich an, seinem geistigen Vorbild gerecht zu werden. Sie sah also nicht unrealistisch einem privilegierten Leben entgegen.

Doch Mitte der sechziger Jahre passierte es, eine Tante starb und hinterließ eine Villa per Testament, einen Teil ihrer Mutter, aber ein anderer Teil ging aus irgendwelchen Verfügungen an eine christliche Stiftung. E.’s Vater allerdings sah die Chance, mit Hilfe der Villa aus seiner ungeliebten Stellung in der Stadtbücherei ausbrechen zu können und sich ganz unbesorgt seinen privaten Forschungen widmen zu können. Zwar hatte seine Frau als Familienmitglied geerbt, aber er beauftragte die Handwerker, um die Villa zu modernisieren, um die entstehenden Wohnungen lukrativ vermieten zu können.

Aber da hatte er die Rechnung ohne die mildtätige Stiftung gemacht. Die war nämlich der Meinung, dass ihr die Mehrheit der Villa gehörte und zog gegen die Ausbaupläne vor Gericht. Das Verfahren zog sich, besonders da ein Beirat der Stiftung Richter am zuständigen Gericht war und dafür sorgte, dass der Prozess verloren ging. Es ging um einen 127tel Anteil von 252 insgesamt, aber bei solch einem Verfahren kann das fatal sein. Banken zogen ihre Zusagen von Krediten für die Modernisierung zurück, die Handwerker forderten ihr Geld und E.’s Familie sah sich plötzlich auf das Existenzminimum gepfändet. Der erste Prozess ging verloren, der Stiftungsrichter wurde befördert und konnte plötzlich alles in der Berufungsinstanz beeinflussen.

E. war in der Mitte ihrer Pubertät plötzlich aus ihrem bürgerlichem Leben heraus gerissen und in die Armut des Existenzminimums gestürzt. Sie konnte sich Ende der sechziger Jahre die damals angesagten modischen Klamotten nicht leisten, sondern musste vieles Alte auftragen. Ihre Intelligenz half ihr, sie gewann ein Hochbegabtenstipendium, dass sie unabhängig machte von den Pfändungsverfügungen gegen ihre Eltern. Und auf einer Sommerakademie der Stipendiumsstiftung fand sie ihren Freund für die nächsten Jahre.

Wie es in der Natur der Sache lag, war auch der Freund hochintelligent und konnte vieles von ihren Problemen verständnisvoll nachvollziehen. Er wunderte sich zwar, als E.’s Mutter ihm sagte, dass sie ihn sehr mögen, aber sich fragten, ob eine Beziehung für E. das Wahre wäre, sie sei halt sehr speziell. Es dauerte sehr lange, bis ihm die Erkenntnis kam, dass E. alle Männer stellvertretend für ihren Vater für ihr Leben verantwortlich machte, nicht nur für pfändungsbedingte Nachteile während der Schulzeit, sondern auch für ihre Probleme, das Studium abzuschließen.

E.’s Eltern gewannen irgendwann einen Prozess, beim zweiten Mal vor dem Bundesgerichtshof, und die Pfändungen wurden rückwirkend für nichtig erklärt. Da war ihr Vater allerdings schon an den Problemen zerbrochen und gestorben und auch ihre Mutter hatte nicht mehr als 4 Jahre zu leben. Die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erreichte E. in Hamburg und sie schickte die Polizisten, die ihr die Nachricht überbrachten gleich weiter in eine Parteiversammlung der SPD, in der ihr Freund gerade war, und ließ ihm ausrichten, er möge sofort nach Hause kommen.

Das veränderte beider Leben, E. wollte an ihrer Vergangenheit fest halten und zog mit den beiden Katzen in die Wohnung ihrer Mutter und begann einen Streit mit den Vermietern, der mit dem Selbstmord der Vermieterin und der Trennung von ihrem Freund endete.

E. beendete ihr Studium nie, wurde überfallen und ausgenutzt und versuchte mehrfach vergeblich, ihren Freund zurück zu gewinnen.

Foto: Axolotl Nr. 733 Lizenz: GNU Free Documentation License

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3 Kommentare zu Abwärts

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  2. Andreas sagt:

    Waren die speziellen Probleme von E. mit ihrer Umwelt Anpassungsprobleme? Waren sie mehr neurotischer Natur – oder steckten auch krankhafte Anteile im Sinne psychotischer Störungen dahinter. Mich hat ihre extreme Paranoia verwundert, die in jede Lebensisutation Eingang gefunden hat. Der Freund, der da versucht, eine Partnerschaft aufzubauen, hat praktisch schon verloren bevors anfängt. Wohl dem, der selbst heil aus solch einer Beziehung herauskommt. Paranoide Psychosen machen sehr einsam. Wie geht es E.?
    Nicht nachvollziehbar ist der kausale Zusammenhang mit dem Suizid der Vermieterin und E.s Aktivität.

  3. Axel sagt:

    @Andreas: Es bestehen keine Verbindungen zu E., allerdings führt das Telefonbuch sie noch unter der gleichen Adresse wie vor 35 Jahren auf. Sicher sind da krankhafte Anteile gewesen, die durch die familiäre Situation nur ausgelöst wurden.

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