Herbstzeitreise

Vor einer Woche hatte ich die Gelegenheit zu einer Bahnfahrt, die viele Erinnerungen hervorrief. Nicht nur die Außenwelt zeigte sich im nebligen, aber trocken-schönem Herbst mit vielen bunten Farben. Bei Zugfahrten im Herbst schweifen die Gedanken ab und lassen Frühjahr und Sommer Revue passieren.

Auch ich befinde mich ja sozusagen im Herbst meines Lebens, im Frühjahr wäre diese Reise an einem Tag gar nicht zu bewältigen gewesen, sie führte mich innerhalbe von 14 Stunden von Hamburg zu einer Besprechung an der Universität Regensburg und wieder zurück. Im Frühjahr meines Lebens gab es noch keine ICEs, ja nicht einmal ICs waren erfunden (letztere fuhren erst als ich schon im 3. Semester meines Studiums war, erstere hatten ihre Premiere im Fahrplan kurz vor meinem 40. Geburtstag).

Während der Fahrt kam ich durch Städte, die fast alle mit persönlichen Erinnerungen verbunden waren. Und die Herbststimmung regte die Erinnerungen an.

Hannover war meine erste größere berufliche Station. Fast ein Jahr lang setzte ich mich am Montag morgens in meinen rostroten Renault R5 und fuhr nach Hannover, um dann am Freitag besonders schnell zurück zu fahren, nein, nicht um nach Hause zu kommen, sondern um am Treffen aller Berater unserer Firma teilzunehmen, das wöchentlich auf 17 Uhr am letzten Arbeitstag festgelegt war. In Hannover fiel ein ganzes Team unserer Firma in einem Motel ein, die Wahl fiel darauf wegen des Preises und des absolut üppigen Frühstücks.

Tagsüber programmierte unser Team eine Datenerfassungsanwendung für ein großes Sparkassenrechenzentrum, auf einer sehr exotischen Maschine eines schon lange nicht mehr existierenden deutschen Computerherstellers, Kienzle aus Villingen-Schwenningen. Abends waren dann häufig bierreiche Doppelkopfabende angesagte, im August auch ein Besuch des Schützenfestes in Hannover, wo dann mit der „Lüttjen Lage“ gefeiert wurde.

Natürlich war Hannover auch aus einem anderen Grund über 10 Jahre ein festes Ziel: wegen der Messe. Zu Anfang war es noch besonders interessant, da gab es noch nicht die Trennung zwischen CeBIT und Hannovermesse. In den Straßenbahnen und Restaurants trafen sich die Computerleute mit Vertretern von Kran-, Lokomotiven-, Druckmaschinen- und Fahrstuhlherstellern. Die Trennung machte es leider weniger interessant für die Aussteller.

Hannover steht auch heute noch auf der Liste, denn dort ist schon lange ein Besuch bei unserer lieben Freundin Antonia angesagt.

Göttingen habe ich durchaus als Studienort in Erwägung gezogen, aber ich bin in Hamburg geblieben, weil E. mit dem Orientinstitut und dem Institut für Kultur und Geschichte des Vorderen Orients dann doch lieber nach Hamburg gegangen ist. Allerdings lernte ich während eines Französischsprachkurses in Tours S. T. kennen, eine Germanistikstudentin aus Göttingen. 3 Wochen verbrachte ich ganz verliebt mit ihr, später besuchte sie mich auch noch einmal in Hamburg. Sie scheint verheiratet zu sein und in Niedersachsen als Vertreterin der SPD Lokalpolitik zu machen.

Kassel war Gegenstand vieler Diskussionen mit meiner ersten Frau, es ging um Kunst und die Documenta. Ich habe einen Besuch gewünscht aber nie geschafft, deshalb ist mir Kassel als Kopfbahnhof in Erinnerung, in dem die Dampflokomotiven ausgetauscht oder umgesetzt wurden.

An Fulda habe ich nur eine Erinnerung, ich habe nie verstanden, wozu in dieser Stadt irgendwelche Fernzüge halten sollten, für mich eine Stadt, die entfernt an der Grenze zur DDR lag und keinen Grund präsentierte, dort aus dem Zug auszusteigen, geschweige denn, sich dort nieder zu lassen.

Mit Würzburg dagegen verbinde ich sehr positive Erinnerungen. Auf meinem ersten „Urlaub per Anhalter“ mit meinem Schulfreund A. habe ich mich auf der Festung Marienberg ganz tief in eine Dänin verliebt, E. F.-S., die der Grund dafür ist, dass ich mich an die Sehenswürdigkeiten, besonders die wunderbaren Barockgebäude von Balthasar Neumann kaum erinnern kann. Die Liebe war so tief, dass sie mich zu sich nach Hause, nach Kopenhagen, für die Herbstferien einlud mit meinen 16-17 Jahren. Es zeigten sich aber auch die unterschiede zwischen meinen kleinbürgerlichen deutschen Eltern und ihren dänischen: meine Eltern verboten mir den Kopenhagenbesuch, während ihre Eltern mir schrieben, welche alkoholischen Getränke ich denn mitbringen sollte.

An eine Firma in Nürnberg hatten wir Anfang der 80er unsere Eigenentwicklung lizensiert. Intern maja genannt hieß der Computer TA1900 bei Triumph-Adler, die damals zum VW-Konzern gehörten. Immerhin wurde die TA1900 über einhundertmal eingesetzt, speziell in der Logistik bei VW. Aufgrund der Lizensierung hatten wir damals eine Niederlassung in Nürnberg, die ich häufig besucht habe. In Nürnberg lernte ich rund um die Burg und in anderen Altstadtvierteln das fränkische Bier lieben, das liebste kam allerdings nicht aus Nürnberg, es war das fränkische Rauchbier aus Bamberg.

Und schließlich Regensburg. Hier hatte ich schon Chirurgen der Universitätsklinik beraten in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, aber die meisten Verbindungen waren privat. Die derzeitige Frau von A.’s Exmann R. stammt von hier, auch A.’s Exfreund hat eine Frau aus dieser Familie geheiratet. Für A. und mich war Regensburg zudem durchaus eine Durchgangsstation in den Bayerischen Wald. Und ist im Übrigen sowieso ganz nett.

Auf der Rückfahrt waren die Erinnerungen dann allerdings kein Thema mehr. Konzentriert konnte ich mich in einen Krimi vertiefen.

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