Neulich im ICE

Wenn man so regelmäßig montags hin und freitags zurück pendelt, dann hat man eine bestimmte Art von Fahrgästen vor Augen: der Geschäftsmann oder die Geschäftsfrau, im Anzug (meist beide) mit einem kleinen Rollenkoffer, obendrauf die Laptoptasche festgeschnallt oder mit einem offensichtlich schweren Pilotenkoffer. Am Platz werden dann die Akten heraus geholt und bearbeitet, das Notebook aufgebaut und die Spreadsheets studiert. Neben den Computer werden ein oder zwei Smartphones platziert, oder sogar drei (was will man eigentlich mit drei Mobiltelephonen)? Und wenn nicht gearbeitet wird, wird entweder gedöst oder zumindest die FAZ gelesen, man hält sich ja am Laufenden.

Am Freitag kommen dann die Wehrpflichtigen dazu, in Tarnanzügen oder Kapuzenshirts mit riesigen grünen Taschen, wahrscheinlich vollgestopft mit der Schmutzwäsche, die unbedingt bei Mama gewaschen werden muss. Auch die bauen dann häufig ihre Notebooks vor sich auf, aber nicht um auf Spreadsheets zu starren, sondern um die Zeit mit einem Egoshooter, Fussballsimulation oder einem Spielfilm zu verbringen.

Mit Beginn der Sommerferien ändert sich das Szenario dann fast schlagartig. Die Geschäftsleute werden weniger, die Zahl der Rekruten tendiert gegen Null. Statt dessen erhöht sich die Zahl der Familien mit Kindern und die der Rentner, die Männer mit ihren beigen Hosen und blassblauen Blousons, die Frauen meist in praktischer Ferienkleidung, auch bei heißem Wetter immer eine regenfeste Jacke dabei. (Was bringt eigentlich Rentner dazu, ausgerechnet in der teuren Hauptreisezeit in den Urlaub zu fahren, sie müssen es doch nicht?).

Die kleinen Rollenkoffer weichen schweren Monstren, die kaum durch die Gänge passen, geschweige denn in eine Gepäckablage. Die Laptops werden ersetzt durch Kartenspiele, die FAZ durch Walt Disney’s Lustige Taschenbücher. Es werden Butterbrote ausgepackt, die sonst so aus der Mode gekommen sind, aber für Bahnfahrten ein Muss darzustellen scheinen. Thermoskannen oder mit Aluminium umwickelte Mineralwasserflaschen in einem verzweifelten Versuch, sie ein wenig kühl zu halten. Schwarze Bahncards 100 und Onlinetickets werden weniger und es nimmt die Zahl der konventionell im Reisezentrum gekauften Karten zu.

Da ist das Ehepaar mittleren Alters mit drei schweren Koffern, das mit der Bahn zur Aida fährt, um eine zehntägige Kreuzfahrt durch die Ostsee zu machen, und dabei Anlass zu der Überlegung gibt, dass die Aida vielleicht doch nicht so zwanglos in den Kleidungsvorschriften ist, wenn man für 10 Tage so viel einpacken muss. Die Koffer sind notdürftig im Gang abgestellt und der Mann am Servicecaddy (hieß das nicht früher Getränkewagen oder so?) räumt sie mit stoischer Ruhe hin und her, um mit seinem Gefährt daran vorbeizukommen.

Da ist die Mutter mit zwei Kindern, die sich Sorgen macht um ihren Anschluss an die Ostsee in Hamburg, sie sei ja nicht so weltläufig, sondern komme vom Dorf und fahre sonst immer nur mit dem Auto. Sie hat einen Platz reserviert und denkt, dass der Platz in dem vor ihr zum Stehen gekommenen Wagen ist, weil dort 11-78 steht und ihr Sitz die Nummer 47 hat, allerdings nicht im Wagen 5, sondern im Wagen 2. Zumindest läuft sie außen am Zug entlang, nach der Abfahrt findet dann immer eine kleine Völkerwanderung statt durch die Gänge, Leute mit schwerem Gepäck versuchen die ausgestreckten Füße der Sitzenden zu umfahren, eine Situation, die besonders heftig wird, wenn der Zug in umgekehrter Wagenreihung fährt und viele Leute die häufigen Durchsagen nicht so richtig einzuordnen wussten.

Da sind die beiden Frauen, die eine blind, die andere fast, die die anderen Gäste kurz hinter Hamburg fragen, wo man denn sei, und dann noch viele Fragen vor sich haben, denn sie fahren zunächst nach München, dann weiter in den Urlaub nach Oberammergau. Sie bestellen sich einen Kaffee und wundern sich, dass sie 5,40 € zahlen müssen, sie hatten gedacht, dass der Preis von 2,70 € für beide Kaffees galt.

Vollbesetzt ist der Zug, auch die Notsitze auf den Stufen der Eingangstüren sind belegt. Es riecht nach Aftershave und Schweiß, nach Parfum, Wurstbroten und Käsefüßen.

Zum Glück funktioniert die Klimaanlage.

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Ein Kommentar zu Neulich im ICE

  1. Hanna sagt:

    Ich wäre auch recht hilflos in einer solchen Zugsituation, obwohl ich nicht vom Land komme, aber in aller Regel hat Axel solche Fahrten für mich entsprechend vorbereitet, wenn ich sie dann doch mal allein antreten muß. Insgesamt erinnert mich das an so schöne Kurzgeschichten von Tucholsky aus Panther, Tiger und Co….auch mal wieder eine schöne Lektüre für Zwischendurch! Tucho wäre heute bestimmt auch ein fleißiger Blogger.

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