Mit dem Zug nach Istanbul

Über NutriCulinary bin ich auf ein höchst lesenswertes Blog gestoßen. Tina Uebel, eine Hamburger Schriftstellerin, tritt am 1. September ein zweimonatiges Stipendium in Shanghai an und hat beschlossen, den Weg dorthin nicht mit dem Flugzeug, sondern auf dem Landweg, meist mit dem Zug, zu bewältigen und darüber in einem Blog zu berichten: auf dem Landweg von Hamburg nach Shanghai.

Besonders hat mich natürlich der erste Teil der Reise interessiert: von Hamburg über Belgrad und Sofia nach Istanbul. Vor fast 40 Jahren habe ich mehr oder weniger die gleiche Reise auch gemacht, allerdings mit dem Startpunkt Frankfurt. Damals war der Zug noch das bevorzugte Gefährt der türkischen Gastarbeiter auf Heimaturlaub und so war der Zug damals zur Sommerzeit gut besetzt: von Frankfurt ging es über Österreich und dann weiter auch über Belgrad und Sofia nach Istanbul.

Ich erinnere mich, dass damals die Deutsche Bundesbahn für diese Strecke ihre ältesten Wagen ausgegraben hatte, die Abteile hatten 8 nicht verstellbare Sitze, die für die insgesamt 50 Stunden dauernde Fahrt vollbesetzt nur wenig Bequemlichkeit boten. Schon kurz nach Frankfurt kam der Zug zum stehen, weil eine Tür während der Fahrt aufgegangen war, sie wurde für den Rest der Reise dann mit einem strammen Bindfaden festgezurrt. Im Laufe der Fahrt kam man mit den Leuten ins Gespräch, es wurde der Reiseproviant miteinander geteilt. Die bulgarischen Grenzbeamten mit ihrer unfreundlichen Art, die brutal die Toiletten aufschlossen, egal ob sie einer echt benutzen musste oder sich dort verstecken wollte, wurden gemeinsam überstanden. Je weiter die Fahrt dann in die Türkei ging, wurden die fliegenden Händler entlang des Zuges immer mehr, sie waren auch willkommen, um die schwindenden Vorräte mit frischem Obst und Getränken aufzufüllen.

Müde und erschöpft kamen wir damals am Bahnhof Sirkeci an, es war ein Glück, dass wir nette Türken im Zug kennengelernt hatten, die uns natürlich erst einmal durch das orientalische Gewirr in den ägyptischen Basar zu einem verwandten Vogelhändler lotsten und von dort aus unsere Unterkunft in einem billigen, sauberen Hotel auf der asiatischen Seite der Stadt organisierten.

Es ist interessant, meine Erinnerung von damals mit der heutigen Reisebeschreibung zu vergleichen. Im Zuge der Verbreitung von Autos und der Erschwinglichkeit von Flügen hat sich das Reisen mit der Bahn nicht unbedingt verbessert: einen durchgehenden Zug gibt es nicht, in der Türkei hat Tina Uebel sogar auf einen Schienenersatzverkehr ausweichen müssen. Da war es doch trotz der unbequemen Wagen damals angenehmer. Und auch schneller.

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Facebook

Dieser Beitrag wurde unter Hotelzimmer veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.