Menschen: Die Junggebliebene

Im Wartezimmer beim Zahnarzt sitzt sie mir gegenüber: Faltig, ein wenig verhutzelt, aber in einem flotten fliederfarbenen, angesichts des kalt gewordenen Wetters aber offensichtlich wärmenden Hosenanzug, darunter ein dicker, grobgestrickter, in einer dunkleren fliederfarbenen Wolle abgestimmter Rollkragenpullover. Sie liest im Hamburger Abendblatt und schaut einmal auf, versucht mich anzusprechen, aber ich höre auf meinem iPhone gerade Musik, offensichtlich mit einem erfreuten Lächeln, wie sie mir später erzählt, und gehe nicht ein auf den Gesprächsversuch.

In der Praxis gibt es offensichtlich Verzögerungen im Betriebsablauf, wie man bei der Deutschen Bahn sagen würde, was hier eigentlich eher ungewöhnlich ist. Die Frau wird dann irgendwann in das Wartezimmer gerufen, kommt aber kurz danach wieder heraus, wird gebeten noch zu warten und setzt sich dann neben mich. Im Abendblatt sucht sie nach einem Rätsel, was es in dieser Zeitung nicht gibt, und stößt auf einen Artikel über die Antarktis. Das gibt einen neuen Anlass zum Gespräch, ich stelle meine Musik auf stumm.

„in die Antarktis muss man fahren, ich war schon zweimal dort und sie ist wunderschön!“. Und sie fängt an zu erzählen, dass Reisen ihr Hobby sei, sie brauche sonst nichts, sie lege in ihrem Alter keinen Wert mehr auf Markenklamotten, sie sei ja auch nicht besonders schön, nicht mehr. Sie erzählt davon, wie sie nach ihrer Pensionierung erst einmal ein Jahr auf Weltreise gegangen war, um Abstand zu gewinnen von ihrem geliebten Job, Australien, China, Japan, Indien. Und danach sei sie immer wieder auf Reisen gegangen.

Irgendwann wird ein gebrechlicher man von zwei, in signalfarbige Schutzanzüge gekleideten Sanitätern in den Warteraum gebracht, offensichtlich sehr gebrechlich. Die Frau erzählt, dass sie auch so einTeil hätte, sie habe es aber im Auto gelassen, denn sie brauche es eigentlich nicht, um laufen zu können, sondern um gerade zu gehen, ihre einzige Schwäche sei die Wirbelsäule.

Ich beginne, so langsam meine Schätzungen zu korrigieren, von eine alt aussehenden 70jährigen mehr in Richtung einer eher jung aussehenden 80jährigen. Und dann erzählt sie von ihrer bevorstehenden Weltreise, mit dem Schiff entlang des Äquators, 141 Tage lang. Sie empört sich über den Zuschlag von 995 €, den sie hat zahlen müssen aufgrund ihres Alters, und dass sie das unverschämt findet und dass sie darum kämpfen würde, ihn zurück zu bekommen, wenn sie von der Reise zurück kommt.

Und dann nennt sie ihr Alter. Sie ist 90 Jahre, genauso alt, wie Hannas Mutter. Hannas Mutter lebt demenzkrank im Heim und wird nie wieder reisen.

Frühere “Menschen”-Artikel: Die eingebildete Mutter, Die Mutter, Die Betriebswirtin, Der Rocker, Die Punks, Der Professor, Die Blonde, Der Gitarrist, Der 68er, Die Pappprinzessin, Der Miniaturgeneral, Die Überempfindliche, Die Kneipenbesitzerin, Der Verwirrte

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2 Kommentare zu Menschen: Die Junggebliebene

  1. Ursel sagt:

    Wow. Axel, was für eine beeindruckende Schilderung einer offensichtlich beeindruckenden Person.
    Ich wünsche von Herzen Hannas Mutter alles Liebe, dass sie so viel schöne Zeit wie möglich verbringen kann.

  2. Max sagt:

    Ja, wenn ich so die Beiträge meiner immer ältere werdenden Leser sehe, merke ich auch, dass man da nicht pauschalisieren kann. Toll, wie agil manch einer noch im Alter ist.

    Viele Grüsse,

    Max

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