24. Mai 1973 im College

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Gestern Abend ging es wieder los. Wieder Streit, wieder eine durchgemachte Nacht. Werden diese Seiten einmal die letzten Wochen einer Liebe beschreiben? Oder sogar Tage? Ich weiß es nicht, wieder einmal nicht. Ich müsste mich endlich einmal zu einem Entschluss aufraffen! Am schwarzen Brett der Student’s Union hier hängt eine Notiz: „4th man sought for flat in University Village. 4 pounds a week.“ Aber würden sie jemanden für gerade einmal zwei Monate nehmen? Ok, aber erst einmal der Reihe nach verfolgen, was geschehen ist.

Ich kam nach Hause, relativ müde, weil ich am morgen ziemlich früh aufstehen musste. Das erste was ich mache ist Kaffee kochen für uns beide und ich schmiere E. auch noch ein Brot. Beim Kaffee spricht E. über einen Artikel im Spiegel über Abtreibung. Ich bin nicht so richtig bereit auf das Gespräch einzugehen, weil wir beide noch Einkaufen gehen müssen. Während des folgenden Einkaufs möchte sich E. ein kleines Stück Kuchen kaufen, um es auf dem Weg zu essen. Ich habe nicht so recht Appetit und will nichts auf dem Weg essen, sondern wenn, dann gemütlich im Apartment. E. meint, ich sei mir zu fein, wird wütend und kauft sich selbst auch nichts.

Am Abend arbeite ich und bin um etwa 23 Uhr fertig. E. hat noch zu tun, und um sie nicht bei der Arbeit zu stören, lege ich mich nicht ins Bett , sondern lese „Punch“ als leichte Lektüre für mein müdes Gehirn. Als E. dann um halb zwei mit der Arbeit fertig ist, bin ich verständlicherweise krachmüde. Sie fragt mich, ob ich interessiert sei an dem, was sie übersetzt hat. Ich sage „Ja“ und sie fasst die 5 Seiten Nur Baba zusammen.

Wegen meiner Müdigkeit reagiere ich aber nicht mehr so richtig auf das, was sie erzählt, obwohl ich glaube, es richtig verstanden zu haben. Es war ein Fehler, nicht mit „Nein“ auf die Frage zu antworten wegen der Müdigkeit, auch wenn ich interessiert war an dem, was sie zu erzählen hatte. Allerdings, hätte ich nein gesagt, wäre mir sicher mangelndes Interesse an ihrer Arbeit vorgeworfen worden.

Ich kann kaum aufzählen, was E. in den folgenden 7 Stunden gesagt hat, und ich war auch zu müde, um richtig in die Diskussion einzusteigen. Ok, ich war sicher auch ein wenig trotzig. E. hat sicher viel Wahres über mich rausgelassen, aber ich habe trotzdem dass Gefühl, dass sie nach Krümeln sucht, Krümel, die nicht immer passen.

Ja, es ist wohl richtig, dass ich einen „Knacks“ in meiner Familie mitbekommen habe. Ja, es ist wahr, dass ich weniger Zeit benötige für meine Arbeit. Ja, ich habe mehr Zeit für Sachen, die sie für sinnvoll hält. Trotzdem beschimpfte sie mich als Dämlack, Hilfsarbeiter und auch als (unvermeidlich) Spiesser.

Mittlerweile bin ich ihr gegenüber cool geworden, „love is dead or isn’t it“. So nett sie ist, so interessant sie ist, ich fühle mich im Verhältnis zu ihr ausgebrannt, ja, und damit auch irgendwie allgemein. Ich kann ihr „auf die Dauer“ und „nicht mehr lange“ nicht mehr hören, aber eine Änderung bringe ich auch nicht zustande, wofür?

Sie bietet keinen Anreiz mehr. Wenn ich mich nur entscheiden könnte! Ich bin zu pragmatisch. Ich bin einfach feige. Ich habe Angst vor einem falschen Entschluss. Wie sieht es unter diesen Umständen aus?

Heute morgen bin ich eine halbe Stunde vor ihr aus dem Haus, obwohl ich mit ihr zusammen fahren wollte. Ich hielt es nicht mehr aus. Und heute Abend? Dann werde ich wahrscheinlich wieder zu Hause hocken, auf sie warten, versuchen, mich besser zu verhalten, bis zum nächsten Mal. Du machst dich unnötigerweise selbst unglücklich!.

Es dauerte dann noch fast 10 Jahre, bis er sich trennte.

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