Normannenstrasse


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Gestern Abend hatte ich Gelegenheit zum Besuch in der alten Stasizentrale mit einem Vortrag eines Mitarbeiters der jetzigen Jahnbehörde, genauer des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, kurz im Behördenjargon auch BStU genannt. Normannenstraße ist eigentlich falsch, denn heutzutage firmiert der ganze Komplex unter der Adresse Ruschestraße 103. Ich als alter Westler wusste übrigens nicht, dass das alles so nahe bei der Gryphiusstraße ist, nur 4 Stationen mit der M13 und einen kurzen Fußweg entfernt.

Und ein Riesenkomplex ist es auch der sich da mitten in Lichtenberg ausgebreitet hat. Angefangen hat die Stasi in einem Finanzamtsgebäude aus den 20er Jahren, das heute wieder als Finanzamt genutzt wird, und sich dann immer weiter ausgebreitet. Das Googlesatellitenfoto zeigt den ganzen Komplex, wobei uns der Vortragende sagte, dass auch die umliegenden Wohnneubauten von Stasimitarbeitern bewohnt wurde, und heute auch (jetzt als Ehemalige) bewohnt wird. Und hauptamtliche Mitarbeiter hatte die Stasi viele, am Ende der DDR über 120000, es kam somit ein Stasimitarbeiter auf 180 DDR-Bürger, zum Vergleich: in der Sowjetunion waren es 1 KGB-Mensch auf über 500 EInwohner in Polen oder der damaligen Tschechoslowakei hatte sich 1 Geheimdienstler um weit über 1000 Einwohner zu kümmern.

So viele Mitarbeiter mussten auch produktiv sein und so befinden sich im Hauptsitz und in den 18 ehemaligen Bezirksstellen, die auch der BStU untergeordnet sind, etwa 110 Regalkilometer Akten, 60 davon von der Stasi archiviert, der Rest unsortiert aus Büros und sonstigen Räumen rausgeholt und gesichert. Hinzu kommen 10000e Tondokumente, von Abhörbändern bis hin zu internen Reden vom Chef Erich Mielke und Fotos und Filme von Überwachungskameras, Observationen sowie Mikrofilme von den in den Postämtern ansässigen „Brieföffnern“ (die aus Westbriefen entnommenen Devisen in Höhe von einigen Millionen jährlich waren übrigens im Haushalt fest eingeplant).

Regale in der BStU

Besonders interessant sind 15500 Säcke mit handzerissenen Akten, die auf ihre Restaurierung warten. Das Fraunhoferinstitut IPK entwickelt hierzu eine Software, die die eingescanten Schnippsel automatisch wieder zusammen setzt und hat dabei angeblich recht aussichtsreiche erste Erfolge erzielt.

Eine Besonderheit ist noch die Kartei der Stasi (Computer waren in den 70ern und 80ern ja noch nicht so verbreitet). Die Hauptkartei bestand aus zwei Teilen. Eine Karte beinhaltete Klarnamen und Adressen aller Personen, über die eine Akte vorhanden war. Das waren dann aber in bunter Mischung hauptamtliche Mitarbeiter, IMs oder Beschuldigte, was der Status der Person war, ging aus der Kartei nicht hervor. Eine zweite Kartei beinhaltete die Decknamen und Führungsoffiziere und einen Verweis auf das Aktenzeichen, aber wiederum keine Klarnamen. Die Archivare der BStU nehmen an, dass die Methode wohl vom KGB übernommen wurde, aber eine Bestätigung gibt es nicht, weder der KGB noch der BND äußert sich hierzu.

Unbearbeitete Akten in der BStU

Etwa die Hälfte der Bestände lagert im Hauptsitz, wir haben das Karteikartenarchiv gesehen und dann eines der Aktenarchive, den sogenannten „Kupferkessel“. Das war ein Raum, den die Stasi in der Endzeit der DDR als Computerraum gegen Abhören gesichert hatte, indem er mit 30 Tonnen Kupfer verkleidet wurde. Das ist jetzt schon lange weg, Computer haben den Raum nie erreicht und er ist jetzt ein Archivraum mit platzsparenden Rollregalen, in denen bereits archivierte Akten lagen oder mit Bindfaden zusammengeschnürte Bündel, die noch der Bearbeitung harren.

Kuriertaschen der Stasi

Eine kleine Kuriosität waren die Ledertaschen der Stasikuriere, die in einem Regal gesammelt waren und in denen früher Akten hin und her gefahren wurden, in plombierten Taschen, versteht sich. Zum Teil sind diese Taschen noch mit den Akten aus dem letzten Auftrag gefüllt.

Die Existenz der BStU scheint übrigens bis 2018 gesichert, sie dient auch als Vorbild für viele andere Länder des ehemaligen Ostblocks und in neuester Zeit fliegen Experten auch als Berater in Länder wie Ägypten oder Tunesien. Und wer sich fragt, was das über 20 Jahre nach dem Fall der Mauer soll: auch heutzutage kommen immer noch ca. 100000 Anfragen auf Akteneinsicht pro Jahr.

Außenfotos zu machen hätte sich übrigens nicht gelohnt, der ganze Komplex wird aus Mitteln der Konjunkturhilfe aufwändig restauriert und wird dann Ende des Jahre in ganz neuem Glanz erstrahlen.

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2 Kommentare zu Normannenstrasse

  1. Karsten sagt:

    Ich habe mal eine Doku über die Iranische Revolution gesehen, da haben junge Frauen die geschredderten Unterlagen aus der Amerikanischen Botschaft wieder zusammen gesetzt – natürlich ohne Computersoftware.

  2. Axel sagt:

    Das machen sie im BStU auch, an das Fraunhoferinstitut haben sie vorerst 400 Säcke für ein Pilotprojekt gegeben. Und auch dort müssen die Schnippsel sorgfältig vorbereitet werden.

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