Mein Leben zurück

Erinnerungen im Karton

Jeder sammelt irgendwo Erinnerungen, auch außerhalb des eigenen Kopfs. Ein wichtiger Bestandteil sind Fotos, die viele Leute sorgfältig in Fotoalben einkleben, andere sammeln sie unsortiert in Schuhkartons oder anderen Behältnissen. Ich bin nicht der Albentyp, deshalb hatte ich mir irgendwann drei faltbare Archivboxen besorgt, wahrscheinlich bei einem schwedischen Möbelhaus.

Ich war damals nicht so ein großer Fotograf, aber in der Box sammelten sich dann doch eine ganze Menge Fotos und Negative an, von den 50er bis zum Ende der 90er Jahre. Es war eine typische Erinnerungsbox, ein altes, nicht mehr genutztes Parteibuch, ein Adressbuch und ein paar Zeitungsausschnitte über meinen Vater hatten sich auch dorthin verirrt.

In den neunziger Jahren lebte ich mit A. zusammen bis ich Hanna kennen lernte und mich darauf hin von A. trennte. Vor fast genau zehn Jahren verließ sie unsere gemeinsame Hamburger Wohnung und nahm bei dieser Gelegenheit meine Erinnerungsboxen mit, komplett mit allen Fotos, die sich darin befanden.

In den folgenden Jahren habe ich A. mehrfach getroffen und häufiger um die Rückgabe der Fotos gebeten, leider vergeblich. Das Argument von A. wahr es, dass sie es nicht machen könne, denn dann hätte sie keinen Beweis mehr dafür, dass sie mit mir zusammen gewesen war. Vor ein paar Jahren brach dann der Kontakt ab in der Auseinandersetzung um andere Erinnerungsstücke und ich gab die Hoffnung auf, meine Erinnerungsstücke einmal wieder zu erlangen.

Heute an meinem Geburtstag erhielt ich dann einen internen Anruf in der Firma von einer Kollegin, die mit A. immer noch gut befreundet ist. Sie gratulierte mir zum Geburtstag und teilte mir mit, sie hätte ein große Plastiktüte von A. für mich. Natürlich holte ich sie mir dann recht bald ab.

Was ich fand in der Tüte war ein großes Paket, eingewickelt in Geschenkpapier mit einer großen Happy-Birthday-Schleife. Inhalt waren, ohne einen Kommentar oder ein Schreiben, meine Erinnerungsboxen mit allen Foto und Negativen.

Nja, sagen wir mal, es waren fast alle. Denn die gemeinsame Zeit und Fotos von A. waren sorgfältigst entfernt nach einer ersten Inspektion. Aber das ist vielleicht nicht so schlimm, denn obwohl ich eine ganze Menge Fotos gemacht habe in der Zeit, habe ich in den 90er Jahren mich mehr auf Videos verlegt und diese habe ich noch und plane, sie spätestens zur Pensionierung digitalisieren zu lassen.

Seit heute habe ich also mein Leben zurück. Zumindest ging mir das häufig durch den Kopf, angeregt durch einen Song von Wir Sind Helden, nämlich Guten Tag, ein Song von der LP Reklamation, in dem Judith Holofernes singt „Guten Tag, ich will mein Leben zurück“.

Ja, ich brauche nicht mehr an den Song zu denken.

Danke, A.!

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