Menschen: Der erzählende Taxifahrer

Bevor ich das Hotel verließ, bestellte ich ein Taxi, das mich zu meinem Arbeitsmeeting bringen sollte. Langsam, fasst bedächtig kam es irgendwann und ich stieg ein.

Hinter dem Steuer saß ein leicht korpulenter Fahrer, ich schätzte ihn auf fast siebzig, leicht korpulent, mit verwaschener Jeansjacke. Besonders auffällig waren seine fast schulterlange, leicht fettige graue Haare. Eine Erscheinung, bei der ich unwillkürlich dachte, aha, ein verkrachter Altachtundsechziger. Dieser Verdacht sollte sich gleich bestätigen. Als ich nämlich mein Fahrtziel nannte, eine ortsansässige Pharmafirma, da öffnete er sozusagen sein Anekdotenbuch. Dabei fuhr langsam, fast bedächtig, wie um die Fahrt möglichst lange hinauszuzögern.

Er eröffnete mir, dass er mal Pharmazie studiert hatte, und das die Firma, zu der er mich brate, damals ein Diabetesmittel hatte, das unter anderem Namen, aber identisch, auch von einem Konkurrenten produziert wurde. Ach was, Konkurrent, die beiden kamen sich nicht in die Quere, sie hatten sich darauf geeinigt, dass die eine ihr Präparat nördlich der Mainlinie, die andere südlich verkaufen durfte, dass sei doch heute überhaupt nicht mehr möglich.

Das leitete auf das Heute über, dass er sich neulich eine Cortisoncreme für Hautprobleme besorgen wollte, weil er Salbe nicht möge und ein Präparat der Firma G., die durch einen Arzneimittelskandal bekannt geworden war in den 60ern, besonders gut fand und dass er seit 40 Jahren kannte. Als er in der Apotheke war und den Preis hörte, fiel er fast vom Sockel, sie sollte über 27 Euro kosten, obwohl die Materialien von den Kosten her im Centbereich lagen. Das wurde gefolgt von Mutmaßungen über die Methoden der Firma G., Konkurrenzprodukte zu verhindern.

Langsam näherten wir uns dem Ziel, aber es folgte noch eine Geschichte über alte Leute, die Medikament im Wert vom mehreren tausend Mark für schlechte Zeiten gehortet hatten und das nur möglich war, weil die Krankenkassen nicht kontrollierten. Und dass in einem Fall die Krankenkasse bei seinem Onkel angerufen hatte, ob der sich an eine Behandlung erinnerte, was er verneinte. Offensichtlich war es üblich, das alte Leute in den Zeiten vor der Chipkarte ihre Krankenscheinhefte prophylaktisch bei den Ärzten abgaben und diese sie auch nutzten, egal ob die Patienten kamen oder nicht. Nach dem Anruf der Kasse machte der Arzt jedenfalls seine Helferin an und sagte ihr, er hätte sie doch gebeten, auf die Todesanzeigen zu achten…

Wir waren angekommen nach gut 15 Minuten, und nur widerwillig entließ mich der Fahrer, es sah fast so aus, als hätte er mich gerne noch einige Zeit gefahren, nicht wegen des Fahrpreises.

Auf dem Rückweg hatte ich dann keine Gelegenheit, Geschichten vom Fahrer zu hören. Ich nahm die Straßenbahn.

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